{"id":14035,"date":"2011-08-15T12:00:02","date_gmt":"2011-08-15T11:00:02","guid":{"rendered":"http:\/\/www.transcend.org\/tms\/?p=14035"},"modified":"2011-08-18T16:28:15","modified_gmt":"2011-08-18T15:28:15","slug":"german-johan-galtung-zu-den-hintergrunden-neofaschistischer-gewalt-sb","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.transcend.org\/tms\/2011\/08\/german-johan-galtung-zu-den-hintergrunden-neofaschistischer-gewalt-sb\/","title":{"rendered":"(German) Johan Galtung zu den Hintergr\u00fcnden neofaschistischer Gewalt (SB)"},"content":{"rendered":"<p><em>Interview mit dem Friedensforscher Johan Galtung am 10. August 2011<\/em><em><\/em><\/p>\n<p><em>Der norwegische Friedensforscher Johan Galtung wurde schon vor 40 Jahren heftig daf\u00fcr kritisiert, da\u00df er strukturell faschistoide Entwicklungen in der westlichen Welt erkannte. Mit dem Massenm\u00f6rder Anders Behring Breivik ist eine Form rechter Gewalt manifest geworden, die nur bedingt mit der Doktrin des klassischen Rechtsradikalismus konform geht und \u00fcber eine starke ideologische Verankerung in den neuen rechtspopulistischen Bewegungen des Westens verf\u00fcgt. Galtung, dessen Vater unter der deutschen Besatzung Norwegens in einem Konzentrationslager interniert war und dessen Enkelin das Massaker auf der Insel Ut\u00f8ya knapp \u00fcberlebte, bleibt dennoch seinem friedenspolitischen Grundsatz, da\u00df der Dialog zwischen Konfliktparteien alternativlos ist, treu, wie er dem Schattenblick in einem Skype-Interview erl\u00e4uterte. <\/em><\/p>\n<p><strong>Schattenblick: Herr Galtung, hat die Trag\u00f6die vom 22. Juli die norwegische Politik auf eine Weise internationalisiert, wie es zuvor vielleicht nicht der Fall war, obschon das Land an Kriegen beteiligt ist?<\/strong><\/p>\n<p>Johan Galtung: Norwegen setzt sich \u00fcberhaupt nicht besonders f\u00fcr Frieden ein. Norwegen ist eine Kriegernation, ist in Afghanistan ein Hauptteilnehmer des Krieges und bombardiert in Libyen. Das ist blo\u00dfe Propaganda und ein Mi\u00dfverst\u00e4ndnis, ganz wie Deutschland keine Friedensnation ist. Dort macht man in etwa dasselbe, wenn auch nicht in Libyen. Man kann das, was am 22. Juli eingeflossen ist, nicht durch Norwegen erkl\u00e4ren. Dieser Breivik hatte sein Wirkungsfeld in Norwegen, er hat dort grausamerweise gehandelt, dort kriegte er seine Inspiration, sein K\u00f6nnen, sein Wissen und alles. Neu ist, da\u00df Norwegen nicht nur T\u00e4ter, sondern auch Opfer ist.<\/p>\n<p><strong>SB: Inwiefern sehen Sie Breivik als Vertreter einer neuen Rechten, die andere Wurzeln hat als die klassisch antisemitische und v\u00f6lkische Rechte?<\/strong><\/p>\n<p>JG: Man k\u00f6nnte sagen, da\u00df es v\u00f6llig klar ist, da\u00df Breivik kein Neonazi ist. F\u00fcr ihn ist der B\u00fcrgerkrieg in Europa ein Krieg zwischen Muslimen und Christen und nicht, wie Hitler behauptete, zwischen Juden und Ariern. Breivik geht es nicht um Rasse, sondern um Kultur. Wo Hitler und seine Leute von der Vermischung der Rassen geredet haben, redet er von Kulturalismus. Wo Hitler die Sozialdemokratie als eine Schw\u00e4che der deutschen Nation gesehen hat, da tut der Breivik allerdings genau dasselbe. Die Ideologien haben dieselbe Struktur, aber sie sind nicht identisch. Ich m\u00f6chte das Wort Neofaschismus f\u00fcr Breivik verwenden. Seine Begeisterung f\u00fcr einen starken Staat, f\u00fcr die starke Nation, f\u00fcr einen starken Mann, der er selber w\u00e4re, f\u00fcr das gewaltsame Erlangen von Macht, wie er selbst sagt, das zeichnet auch den Faschismus aus.<\/p>\n<p><strong>SB: Wie beurteilen Sie die Versuche, ihn f\u00fcr unzurechnungsf\u00e4hig zu erkl\u00e4ren, wiewohl er sich offensichtlich ideologisch in einer gr\u00f6\u00dferen Str\u00f6mung rechten Gedankenguts bewegt?<\/strong><\/p>\n<p>JG: Es ist, wie Sie, glaube ich, ganz richtig sagen, eine gr\u00f6\u00dfere Str\u00f6mung. Die Hauptstr\u00f6mung ist in den Vereinigten Staaten. Christlicher Zionismus, die sogenannten Dominionisten. Sie sind au\u00dferordentlich gef\u00e4hrlich, und es gibt \u00e4hnliche Str\u00f6mungen in anderen L\u00e4ndern. Zu den europ\u00e4ischen L\u00e4ndern, wo diese Str\u00f6mungen vertreten sind, z\u00e4hlen Gro\u00dfbritannien, die Niederlande, Ungarn und Italien, teilweise auch Spanien. Aber meines Erachtens nicht Deutschland und \u00d6sterreich. Ich glaube, dort \u00fcben die Neonazis eine Art Sperrfunktion aus, in dem Sinn, da\u00df sie noch in den 30er, 40er Jahren leben und versuchen zu rechtfertigen, was damals geschah. Sie reiten nicht ganz auf dieser neofaschistischen Welle. Zudem ist man sich in Deutschland und \u00d6sterreich dieser Entwicklung sehr bewu\u00dft, d. h. es gibt viele Gegenargumente.<\/p>\n<p>Gegen Breivik hat niemand etwas getan, er sa\u00df dort in seiner Nische, in seinem Internetloch, hat seine Sachen geschrieben und gelesen, niemand hat eingegriffen. Nicht einmal die sogenannte Sicherheitspolizei hat ihn erreicht, es geschah alles v\u00f6llig \u00fcberraschend. Die norwegische Sicherheitspolizei hat mich als Friedensforscher ausspioniert. Das fing an, als ich 22 Jahre alt war, und hat ungef\u00e4hr 40 Jahre angehalten, behaupten sie. Davon bin ich nicht \u00fcberzeugt. Ich glaube, es geht weiter. Sie haben das getan, weil ich gegen die amerikanische Au\u00dfenpolitik gewesen bin, allerdings auch gegen die sowjetische Au\u00dfenpolitik, aber das haben sie als Tarnung interpretiert, um meine Haltung zu den USA zu verschleiern. Also sehen Sie: Wie denkt man viereckig? Man hat ein scharfes Auge nach links und sieht Sachen, die nicht existieren, w\u00e4hrend man auf dem rechten Auge blind ist.<\/p>\n<p><strong>SB: Mit Breivik ist eine Form von Gewaltt\u00e4tigkeit hervorgetreten, die, wie wir schon gesagt haben, eine starke Verankerung im ideologischen Mainstream hat. Wie, meinen Sie, schaffen es die rechtspopulistischen Bewegungen, die teilweise bereits in Parlamenten sitzen, davon abzulenken, da\u00df sie etwas transportieren, was durchaus eine gewisse Gewaltbereitschaft aufweist?<\/strong><\/p>\n<p>JG: Man mu\u00df mit diesen Leuten reden. Ich habe das in meinem Leben als Friedensforscher und -vermittler sehr h\u00e4ufig getan. Es gibt viele Leute, die sagen, man k\u00f6nne mit diesen Leuten nicht reden, sie w\u00e4ren nicht gespr\u00e4chsbereit, es w\u00e4re hoffnungslos. Meine Erfahrung ist, da\u00df sie au\u00dferordentlich viel reden. Das Problem ist nicht, da\u00df sie nicht reden, sondern da\u00df sie 24 Stunden lang reden. Also das zu Ende zu bringen, ist fast unm\u00f6glich. Ich finde, man mu\u00df in diesen Dialog eintreten. Ich mu\u00df allerdings eine Warnung aussprechen. Um mit diesen Leuten einen Dialog zu f\u00fchren, mu\u00df man gut vorbereitet sein. Was sie glauben, ist selbstverst\u00e4ndlich ein Ausschnitt der Wirklichkeit, um so mehr gilt, da\u00df man gut vorbereitet sein mu\u00df.<\/p>\n<p><strong>SB: Wie sehen Sie die Zukunft dieser kulturalistischen Auseinandersetzung, die leider immer mehr kriegerische Gestalt annimmt, und zwar, wie im j\u00fcngsten Fall Libyen, meist in Form von Kriegen des Westens gegen den Osten. Meinen Sie, da\u00df im Rahmen der Krisenentwicklung auf dem Finanz- und Wirtschaftssektor eine Art kriegerischer Regulation der herrschenden Widerspruchslagen ansteht?<\/strong><\/p>\n<p>JG: Das ist die Hauptfrage. Meines Erachtens f\u00fchrt der Weg selbstverst\u00e4ndlich \u00fcber den Dialog im Sinne von Neugier und Respekt. Heute werden im Westen nur die b\u00f6sen Seiten des Islam gesehen, und es gibt viele Muslime, die nur die guten Seiten des Islam und die b\u00f6sen Seiten des Westens sehen. Wir gehen von beiden Seiten aus vorw\u00e4rts. Ich habe viele solcher Dialoge gef\u00fchrt. Eine Erfahrung ist eigentlich sehr negativ: Die Muslime m\u00f6chten gerne mehr von der Diversit\u00e4t und dem Pluralismus, die sie im Westen sehen, f\u00fcr den Islam \u00fcbernehmen. Ich finde das gut. Aber wenn ich Christen frage, was sie am Islam interessant finden, erhalte ich keine Antwort. Warum nicht? Nicht deswegen, weil sie nichts Interessantes gefunden haben, sondern deswegen, weil sie \u00fcberhaupt keine Ahnung vom Islam haben.<\/p>\n<p>Es herrscht Ignoranz vor. Es gibt Spezialisten, aber sie stellen die Ausnahme von der Regel dar. Wir reden \u00fcber die allgemeine Bev\u00f6lkerung. Muslime k\u00f6nnten vielleicht die guten Seiten des Islams besser verdeutlichen. Ich nenne als Beispiel das Zusammensein und die Verteilung. Das Zusammensein, man sieht es ja metaphorisch, wenn sie beten, wie sie ihre Kultur fast hautnah leben. Die christliche Mischkultur hat dies auch getan, aber das war vor Jahrhunderten. Die Verteilung betrifft die Idee, da\u00df man den Armen gibt, was den Armen geh\u00f6rt. Selbstverst\u00e4ndlich gibt es dabei wie in allen menschlichen Belangen Schwindel und Heuchelei. Aber ich glaube, wir sind in der westlichen Kultur heute zu isoliert, wir leben in unseren L\u00f6chern. Meine Auffassung ist, da\u00df wir voneinander lernen sollten. Der Status quo besteht darin, gegen Breiviks Gewalt zu k\u00e4mpfen. Wir m\u00fcssen vorw\u00e4rts gehen.<\/p>\n<p><strong>SB: Herr Galtung, vielen Dank f\u00fcr das Gespr\u00e4ch.<\/strong><\/p>\n<p><em>Elektronische Zeitung SCHATTENBLICK im MA-Verlag<\/em><br \/>\n<em> \u00a0Schattenblick -&gt; INFOPOOL -&gt; B\u00dcRGER\/GESELLSCHAFT -&gt; REDAKTION<\/em><br \/>\n<em> \u00a0INTERVIEW\/001: Johan Galtung zu den Hintergr\u00fcnden neofaschistischer Gewalt (SB)<\/em><\/p>\n<p><a target=\"_blank\" href=\"http:\/\/www.schattenblick.de\/infopool\/buerger\/redakt\/briv0001.html\" >Go to Original \u2013 schattenblick.de<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Interview mit dem Friedensforscher Johan Galtung am 10. 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