{"id":14610,"date":"2011-09-26T12:00:54","date_gmt":"2011-09-26T11:00:54","guid":{"rendered":"http:\/\/www.transcend.org\/tms\/?p=14610"},"modified":"2011-09-21T13:24:09","modified_gmt":"2011-09-21T12:24:09","slug":"german-die-macht-der-bilder-von-911-zeugen-wider-willen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.transcend.org\/tms\/2011\/09\/german-die-macht-der-bilder-von-911-zeugen-wider-willen\/","title":{"rendered":"(German) Die Macht der Bilder von 9\/11: Zeugen wider Willen"},"content":{"rendered":"<p>Eine Wahl hatten wir nicht. Nur, wer vom globalen Informationsangebot bis heute vollst\u00e4ndig abgeschnitten ist, wird die Bilder nicht gesehen haben. Wer zu jung oder noch nicht geboren war, hat sie inzwischen gesehen oder wird sie eines Tages sehen. Die meisten aber waren an jenem 11. September 2001 live dabei, als die T\u00fcrme des World Trade Centers einst\u00fcrzten, nachdem sie von zwei entf\u00fchrten Flugzeugen getroffen worden waren. Selbst, wer damals nicht in New York war, hat daran keine Zweifel, denn wir alle sind Zeugen geworden dieses schier unglaublichen Angriffs. Den Bildern von 9\/11 konnte keiner entkommen, und so haben sie sich in das kollektive Ged\u00e4chtnis eingebrannt wie kein anderes Ereignis der j\u00fcngeren Vergangenheit \u2013 genau, wie es die Terroristen wollten.<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich geht die Forschung heute davon aus, dass der moderne Terrorismus vor allem eine Kommunikationsstrategie ist, bei der es weniger um die Zahl der Opfer oder den Grad der Zerst\u00f6rung geht als um die Inszenierung, den symbolischen Akt. Der Erfurter Kommunikationswissenschaftler und Islamkenner Kai Hafez spitzte es einmal so zu: \u201eAuch die Toten von 9\/11 waren f\u00fcr Bin Laden nur symbolische Tote, um eine Botschaft abzusenden \u2013 so seltsam das klingt.\u201c Doch damit sie ihre Botschaft verbreiten k\u00f6nnen, brauchen Terroristen einen Verst\u00e4rker, einen Mittler: die Medien. Gelernt haben sie diese Strategie von den Staaten, die bereits Mitte des 19. Jahrhunderts, als die Fotografie Einzug in die Medien hielt, erkannt hatten, welche Macht die \u201erichtigen\u201c Bilder haben k\u00f6nnen. Denn die Bilder, die die B\u00fcrger zu sehen bekommen, entscheiden oftmals \u00fcber Zustimmung oder Ablehnung eines Milit\u00e4reinsatzes \u2013 w\u00e4hrend sie zugleich der Abschreckung dienen, etwa, indem sie dem Gegner die eigene milit\u00e4rische St\u00e4rke vor Augen f\u00fchren. Und so versuchen Regierungen und Milit\u00e4rs seit je, die Berichterstattung \u00fcber Kriege, Krisen und Konflikte zu ihren Gunsten zu beeinflussen \u2013 mit zwei ausgesprochen wirkm\u00e4chtigen Instrumenten, der Zensur und der Propaganda.<\/p>\n<p>Doch was sich im klassischen Staatenkrieg der Neuzeit bew\u00e4hrt hat, als Armeen zumindest einigerma\u00dfen ebenb\u00fcrtig aufeinandertrafen, \u00e4ndert sich seit einigen Jahren. Denn derart symmetrische Kriege werden seltener, stattdessen treten immer h\u00e4ufiger nicht staatliche Akteure wie S\u00f6ldner, Clans und Warlords kriegerisch in Erscheinung. Die Anschl\u00e4ge vom 11. September sind dabei ein trauriges Paradebeispiel f\u00fcr eine solche asymmetrische Kriegsf\u00fchrung. Denn da den hoch technologisierten, gut ger\u00fcsteten USA auf milit\u00e4rischem Wege unm\u00f6glich beizukommen ist, w\u00e4hlten die Terroristen einen nicht milit\u00e4rischen Weg \u2013 und machten entf\u00fchrte Passagierflugzeuge zu ihren Waffen. Dass sie die USA damit nicht bezwingen konnten, war ihnen von vornherein klar, also musste es aus ihrer Sicht darum gehen, mit den wenigen zur Verf\u00fcgung stehenden Mitteln den st\u00e4rksten Effekt zu erzielen: weltweite Panik. Die Medien waren dabei Mittel zum Zweck \u2013 Medienlenkung nach den Regeln des Terrors.<\/p>\n<p>Allerdings verbreiteten zumindest die westlichen Medien nicht nur die Botschaft der Terroristen, sondern \u00fcbernahmen auch fast bedingungslos die Standpunkte der US-Regierung \u2013 sei es aus Patriotismus, Bequemlichkeit oder aufgrund der eigenen N\u00e4he und Betroffenheit. So wurde etwa das vom damaligen US-Pr\u00e4sidenten George W. Bush proklamierte Schlagwort \u201eWar on Terror\u201c, Krieg gegen den Terror, von nahezu allen westlichen Medien umgehend unhinterfragt verwendet \u2013 obwohl es im Grunde ein lupenreiner Propagandabegriff war.<\/p>\n<p>Der norwegische Friedensforscher Johan Galtung, der in mehr als 100 Konflikten als Vermittler oder Berater t\u00e4tig war und mit dem alternativen Friedensnobelpreis ausgezeichnet wurde, h\u00e4lt solche Reflexe f\u00fcr \u00e4u\u00dferst problematisch. Der 80-J\u00e4hrige hat die weltweite Berichterstattung nach 9\/11 untersucht und festgestellt, dass die Medien sich fast ausschlie\u00dflich auf die Beschreibung der Gewalt beschr\u00e4nkten. Eine Theorie, warum es \u00fcberhaupt zur Gewalt kam, fehlte ihm zufolge ebenso wie L\u00f6sungsvorschl\u00e4ge. Galtung aber pl\u00e4diert daf\u00fcr, zu hinterfragen, was hinter den Anschl\u00e4gen steckt: \u201eEntweder ist es ein ungel\u00f6ster Konflikt, dann sollten wir eine Konfliktl\u00f6sung finden. Oder es ist Rache f\u00fcr ein Trauma in der Vergangenheit, dann sollten wir uns um Vers\u00f6hnung bem\u00fchen.\u201c<\/p>\n<p>Doch wie k\u00f6nnen die Medien den Terror so abbilden, dass Leser, Zuschauer oder Zuh\u00f6rer ihn richtig einordnen k\u00f6nnen? Galtung hat daf\u00fcr \u201evier ganz einfache Regeln\u201c: \u201eSie sollten erstens versuchen zu verstehen, welcher Konflikt dahintersteckt. Sie m\u00fcssen zweitens erkennen, dass \u201adie Wahrheit\u2019 immer zweideutig ist, weil jede Seite unterschiedliche und widerspr\u00fcchliche Motive hat. Drittens d\u00fcrfen sie sich nicht nur auf die Eliten, die Entscheidungstr\u00e4ger beschr\u00e4nken, sondern m\u00fcssen auch die Auswirkungen auf die einfachen Leute hinterfragen. Und viertens sollten sie nicht nur \u00fcber Siege, sondern auch \u00fcber L\u00f6sungen schreiben.\u201c<\/p>\n<p>Die Medien ohne ihre Nutzer zu betrachten griffe allerdings zu kurz, und so schwingt in Galtungs Forderungen auch ein Appell an alle anderen Akteure mit \u2013 Politiker wie Rezipienten. Die Allgegenwart der Bilder des 11. September ist so gesehen auch eine Mahnung, stets zu hinterfragen, wer an diesem denkw\u00fcrdigen Tag was sagen wollte. Das ist keine einfache Frage. Und die Antwort steht seit zehn Jahren aus.<\/p>\n<p><a target=\"_blank\" href=\"http:\/\/www.noz.de\/artikel\/57119753\/zeugen-wider-willen\" >Go to Original \u2013 noz.de<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Den Bildern des 11. September konnte keiner entkommen \u2013 genau, wie es die Terroristen wollten. Doch welche Rolle spielten die Medien dabei? Und welche Rolle sollten sie spielen? Ein Essay unseres Redakteurs Constantin Binder.<\/p>\n","protected":false},"author":4,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[46],"tags":[],"class_list":["post-14610","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-original-languages"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.transcend.org\/tms\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/14610","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.transcend.org\/tms\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.transcend.org\/tms\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.transcend.org\/tms\/wp-json\/wp\/v2\/users\/4"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.transcend.org\/tms\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=14610"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.transcend.org\/tms\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/14610\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.transcend.org\/tms\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=14610"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.transcend.org\/tms\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=14610"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.transcend.org\/tms\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=14610"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}