{"id":19061,"date":"2012-05-14T12:00:41","date_gmt":"2012-05-14T11:00:41","guid":{"rendered":"http:\/\/www.transcend.org\/tms\/?p=19061"},"modified":"2012-11-03T14:59:14","modified_gmt":"2012-11-03T14:59:14","slug":"german-gewaltlose-terroristen-warum-die-proteste-gegen-den-bau-eines-atomkraftwerks-in-indien-uns-alle-etwas-angehen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.transcend.org\/tms\/2012\/05\/german-gewaltlose-terroristen-warum-die-proteste-gegen-den-bau-eines-atomkraftwerks-in-indien-uns-alle-etwas-angehen\/","title":{"rendered":"(German) Gewaltlose Terroristen? Warum die Proteste gegen den Bau eines Atomkraftwerks in Indien uns alle etwas angehen"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: left;\"><em>Im S\u00fcden Indiens protestieren \u00fcber 10&#8217;000 Menschen gegen den Bau eines neuen Atomkraftwerkes. Sie verfahren dabei nach dem Prinzip des Gewaltlosen Widerstandes von Mahatma Gandhi.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">K\u00fcrzlich hat sich die Nuklearkatastrophe von Fukushima gej\u00e4hrt. Die Unfallserie hatte nicht nur immense Folgen f\u00fcr die lokale Bev\u00f6lkerung, sondern ver\u00e4nderte auch die Art und Weise, mit der der Betrieb von Kernkraftwerken von da an in der Politik behandelt wurde. \u00dcber den ganzen Planeten verteilt kam es zu Protestaktionen. Die Unberechenbarkeit der Natur und die bis heute noch nicht gel\u00f6ste Frage zur Endlagerung f\u00fcr nukleare Abf\u00e4lle waren auch f\u00fcr einzelnen Regierungen Grund genug, in Zukunft auf Atomstrom verzichten zu wollen. Deutschland beschloss am 30. Juni 2011 den endg\u00fcltigen Atomausstieg bis 2022. Die Schweiz beschloss eine Laufzeitbeschr\u00e4nkung von 50 Jahren und setzte so das Ende der Nutzung von Kernenergie bis 2034 fest. In Italien stimmten 94 % in einer Volksabstimmung gegen den Bau neuer Atomkraftwerke. Bewegungen, die sich durchaus nicht nur auf Europa beschr\u00e4nkten. Auch Venezuela und Israel k\u00fcndigten an, die Fortsetzung des Baus ihres jeweils ersten Kernkraftwerkes einzustellen. Hat sich ein ganz neuer Geist etabliert? Ist dies ein erster Schritt in Richtung einer nachhaltigen Energiepolitik?<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Nun, bei den eben aufgelisteten Beschl\u00fcssen scheint es sich eher um Einzelf\u00e4lle zu handeln, als um die Avantgarde eines neuen globalen Bewusstseins unter Staatsexponenten. Denn die meisten Staatsvertreter betrachten die Atomenergie weiterhin als sicher, verh\u00e4ltnism\u00e4ssig sauber und preiswert. Neben Frankreich und den Niederlanden sprachen sich unter anderem auch die T\u00fcrkei und Indonesien gegen eine Einstellung ihrer Atomprogramme aus. Es werden weiterhin neue Kernkraftwerke gebaut.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Auch Indien, welches zwar wiederholte Sicherheits\u00fcberpr\u00fcfungen versprach, l\u00e4sst neue Reaktoren bauen. Diese Nachricht stellt f\u00fcr die meisten Leser wohl keine Neuheit dar. Dass allerdings gegen eben diese Konstruktionspl\u00e4ne ein reger Widerstand besteht, wurde bis anhin nur sp\u00e4rlich in der medialen Berichterstattung aufgenommen.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Eine der gr\u00f6ssten Protestbewegungen hat sich \u00fcber Jahre gegen den Bau des Kernkraftwerks Kudankulam im Bundesstaat Tamil Nadu formiert. Die Anlage befindet sich in der N\u00e4he der S\u00fcdspitze Indiens, direkt am Meer. Es sollen hier zwei Reaktoren mit einer geplanten Leistung von je 1000 Megawatt errichtet werden. Die indische Regierung hat die \u201eNuclear Power Corporation of India Limited\u201c, kurz NPCIL, damit beauftragt, den Stromausf\u00e4llen und Engp\u00e4ssen im eigenen Land ein Ende zu bereiten. Zur Illustration: Zwischen 17 und 23 Uhr herrscht in ganz Indien eine Stromknappheit von zw\u00f6lf Prozent. Ziel der NPCIL ist also eine Aufstockung der Kapazit\u00e4ten durch Atomenergie. Bis 2032 sollen Kernkraftwerke 63&#8217;000 Megawatt liefern. Dabei handelt es sich um eine enorme Steigerung, versorgen doch die heute vorhandenen 20 Reaktoren das Land mit gerade mal 4780 Megawatt.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Die Wurzeln des Projektes in Kudankulam lassen sich in den 80er-Jahren finden. Damals trafen der indische Premierminister Rajiv Gandhi und Michail Gorbatschow, Pr\u00e4sident der UdSSR, ein Abkommen \u00fcber den Bau der zwei Reaktoren. Zur selben Zeit begann sich auch die Protestbewegung unter dem Namen \u201ePeoples Movement Against Nuclear Energy\u201c, kurz \u201ePMANE\u201c, zu formieren. Nach dem Ende der Sowjetunion lagen die Baupl\u00e4ne f\u00fcr die Reaktoren vorerst auf Eis. Erst 1998 wurden sie wieder aufgenommen, ebenso begann sich auch die Opposition erneut zu engagieren. Man begab sich vor Gericht, schrieb Briefe an F\u00fchrungspers\u00f6nlichkeiten und Entscheidungstr\u00e4ger und versammelte sich immer wieder \u00f6ffentlich. Nach den Vorf\u00e4llen in und um Fukushima \u00e4usserten sich im August 2011 die Proteste in neuer St\u00e4rke. Damals versammelten sich um 10&#8217;000 Bewohner aus umliegenden D\u00f6rfern\u00a0 in Idinthakarai, einem Dorf, das sich knapp zwei Kilometer von der Anlage entfernt befindet. 125 Personen traten in einen Hungerstreik, welcher zw\u00f6lf Tage andauern sollte.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Dass die Fukushima-Katastrophe also einen Einfluss auf die Vehemenz der Proteste hatte, ist nicht abzustreiten. Doch es ist offensichtlich, dass die Proteste nicht einfach Teil des \u201eFukushima-Effekts\u201c sind.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Heute, acht Monate sp\u00e4ter, liegt das Epizentrum der Proteste immer noch im Fischerdorf Idinthakarai. Das Dorf, welches eigentlich eine Population von etwa 12&#8217;000 Personen hat, beherbergt Moment an die 20&#8217;000 Menschen. Viele davon haben sich eigens f\u00fcr die Teilnahme am Protest hier niedergelassen. Doch warum wehrt sich die lokale Bev\u00f6lkerung mit dieser hohen Intensit\u00e4t gegen den Bau der zwei Reaktoren? W\u00fcrde sie nicht genauso von einer besseren Stromversorgung profitieren?<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Antworten auf diese Fragen finden sich bei Dr. S.P. Udayakumar, einem der Sprecher der Bewegung. Der 52-J\u00e4hrige betreibt eine Schule f\u00fcr mittellose Kinder in der nahe gelegenen Stadt Nagercoil. Er erkl\u00e4rt, dass die lokale Bev\u00f6lkerung stark an der Sicherheit der Anlage zweifelt. Zwar h\u00e4lt die Regierung daran fest, dass diese Gegend niemals von Naturkatastrophen heimgesucht werde, doch widerlegt allein der Einbezug der Vorgeschichte diese Aussage allemal. Sowohl im M\u00e4rz 2006, als auch im August des Jahres 2011 kam es zu leichten Erdbeben in der Region. Der Tsunami, in Folge des Erdbebens im Indischen Ozean vom Dezember 2004, \u00fcberflutete die sich bereits in Konstruktion befindende Anlage. Ausserdem, so Udayakumar, k\u00f6nne man nie absolut sicher sein, ob ein Gebiet von Naturkatastrophen gesch\u00fctzt sei.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Die Regierung hatte bis jetzt kein offenes Ohr f\u00fcr die Anliegen der Protestierenden. Im Gegenteil, bis heute warten \u00fcber 10&#8217;000 Menschen auf die Ergebnisse einer aktuellen Umweltvertr\u00e4glichkeitspr\u00fcfung (UVP), einer Standortsevaluation und nicht zuletzt einer international anerkannten Sicherheitsanalyse. Dr. S.P. Udayakumar bezeichnet die Wiederaufnahme des Projektes als einen absolut undemokratischen Prozess. Ebenso wie er, bem\u00e4ngeln die \u00fcbrigen Protestierenden, dass sie kein Mitspracherecht in der Entscheidungsfindung hatten. Dem Projekt w\u00fcrden sie in dieser Form nie zustimmen. Denn es w\u00fcrden in Zukunft das K\u00fchlwasser der Reaktoren und geringf\u00fcgig radioaktiver Abfall im Meer versenkt werden. Die Folgen f\u00fcr das lokale Fischereigewerbe w\u00e4ren nicht abzusehen. Die von diesem Gewerbe abh\u00e4ngige Region w\u00fcrde wohl in zunehmende Armut gedr\u00e4ngt.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Ein grosser Teil der Protestierenden k\u00e4mpft auch gegen den Verlust der eigenen Behausung. Die Regierung plant die Installation einer \u201eSterilisations-Zone\u201c innerhalb eines Radius von bis zu 5 km um das Atomkraftwerk. Bis jetzt blieb eine eindeutige offizielle Stellungsnahme diesbez\u00fcglich aus. Ausserdem leben bis zu 3 Millionen Menschen innerhalb eines 30 km Radius um die Anlage. Dies widerspricht einerseits internationalen Bestimmungen und macht anderseits eine effektive Evakuierung im Falle einer Katastrophe unm\u00f6glich.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Zieht man all diese Argumente gegen die Inbetriebnahme des Kernkraftwerkes bei Kudankulam in Betracht, bleibt f\u00fcr das Verhalten der Offiziellen nur Erstaunen \u00fcbrig.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Seitdem nun am 19. M\u00e4rz dieses Jahres die Regierung des Bundesstaates Tamil Nadu eine Wiederaufnahme der Baupl\u00e4ne definitiv bewilligt hat, ist das Dorf Idinthakarai von etwa 7&#8217;000 Polizisten eingekesselt. Sie sollen verhindern, dass sich mehr Leute der Protestaktion anschliessen und blockieren aus diesem Grund s\u00e4mtliche Zufahrten zur Region rund um die Baustelle. Sie versuchen die Aktivisten zu zerm\u00fcrben, in dem sie ihre Versorgung behindern. Dies hat fatale Folgen f\u00fcr das Fischerdorf Idinthakarai, denn dieses ist f\u00fcr die Beschaffung von Trinkwasser und Medikamenten vollst\u00e4ndig von \u00e4usseren Quellen abh\u00e4ngig. Seit Tagen fehlt es nun an Wasser, Milch und Strom im Dorf. Ausserdem sind sanit\u00e4re Anlagen eine Rarit\u00e4t.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Die hohe Polizeipr\u00e4senz wird unerkl\u00e4rlich, wenn man sich mit den Protestformen der Aktivisten auseinandersetzt. Schliesslich st\u00fctzen diese sich ausschliesslich auf das Prinzip der Satyagraha, des gewaltlosen Widerstandes, welches durch Indiens grossen Befreier Mahatma Gandhi bekannt wurde. Mit Taktiken wie Sitzblockaden und der Bereitschaft grosse Leiden zu ertragen, wird die Menschlichkeit des Gegen\u00fcbers angesprochen. Doch die Beh\u00f6rden versuchen sich an verschiedenen Methoden um diese Strategie zu unterwandern. Die Bundesstaatsregierung stationiert die Polizeikr\u00e4fte, welche in der Region geboren wurden, in ihren Heimatd\u00f6rfern. Sie sollen Familienmitglieder beeinflussen und religi\u00f6se oder auf Kastendifferenzen basierte Konflikte anstacheln. Zus\u00e4tzlich wird das lokale Gewerbe, welches aus Solidarit\u00e4t mit den Protestierenden\u00a0 streikt, gen\u00f6tigt, seine Arbeit wieder aufzunehmen. Es soll der Schein der Normalit\u00e4t gew\u00e4hrt werden. Dem, der den Anweisungen nicht Folge leistet und sein Lebensmittelgesch\u00e4ft nicht \u00f6ffnet, wird mit einem Prozess gedroht. Seit dem 19. M\u00e4rz wurden ausserdem \u00fcber 200 Personen verhaftet. Mittlerweile sind die meisten durch die Bezahlung von Kautionen wieder auf freiem Fuss. Doch die Anklagen gegen sie bleiben bestehen. Insgesamt wurden bereits um die 6800 Personen wegen Volksverhetzung oder sogar wegen Kriegsf\u00fchrung gegen den Indischen Staat angeklagt. Eine von diesen Personen ist Dr. S.P. Udayakumar.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Gegen ihn und weitere von der Regierung als F\u00fchrungspers\u00f6nlichkeiten identifizierte K\u00f6pfe wird vehement vorgegangen. Um den Widerstandswillen des 56-J\u00e4hrigen Lehrers zu brechen, wird vor keiner Massnahme gescheut. Am 30. M\u00e4rz wurde er dazu aufgefordert, seinen Pass zur\u00fcckzustellen.<br \/>\nMehrmals wurde ihm mit einem Haftbefehl gedroht. Zudem war am 21. M\u00e4rz die von ihm gegr\u00fcndete, betriebene und finanzierte Schule f\u00fcr Kinder aus armen Familien von Vandalen zerst\u00f6rt worden. St\u00fchle wurden zerschmettert, Tische auseinandergebrochen und die Schulb\u00fccher wurden weggeworfen. Erstaunlicherweise wurde der f\u00fcr die Schule zust\u00e4ndige Polizist just bevor dem Vorfall vom Polizeipr\u00e4sidium des Distriktes abgezogen.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Es scheint so, als w\u00fcrden die Beh\u00f6rden die Protestbewegung in zwei Untergruppen einteilen. Einerseits sind da die Bewohner der D\u00f6rfer, unwissend und beeinflussbar. Anderseits identifizieren sie eine Handvoll Vordenker, welche sich den Mangel an Bildung der lokalen Bev\u00f6lkerung zu Nutzen machen. Entspricht dieser Eindruck der Realit\u00e4t?<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Im Auftrag der NGO \u201eChennai Solidarity Group for Kudankulam Struggle\u201c (Chennaische Solidarit\u00e4ts-Gruppe f\u00fcr den Kudankulam-Kampf) versuchte eine Untersuchungskommission, bestehend aus f\u00fcnf Personen mit unterschiedlichen akademischen Hintergr\u00fcnden, dieser Frage anhand eines Besuches in Idinthakarai auf den Grund\u00a0 zu gehen. Die Resultate waren eindeutig. Der Bericht der Kommission beschreibt die Protestbewegung als eine Volksbewegung. Es stimmt zwar, dass die meisten ihrer Anh\u00e4nger nicht gebildet sind, aber dieser Umstand wurde nicht von Dr. Udayakumar ausgenutzt. Im Gegenteil, um ihre Sorgen der Regierung verst\u00e4ndlich zu machen, wendeten sich die Protestierenden selbst an Intellektuelle wie den 56-J\u00e4hrigen Lehrer. Die Kommission kommt zur Schlussfolgerung, dass die Proteste auch nach einer Verhaftung Udayakumars nicht zu Ende w\u00e4ren. Es w\u00e4re sogar m\u00f6glich, dass eine solche Handlung die Protestbewegung, die sich bis jetzt friedlich verhielt, zu gewaltt\u00e4tigen Ausbr\u00fcchen motivieren w\u00fcrde.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Die Protestierenden versammeln sich nun auf einer Fussballfeld-grossen Fl\u00e4che vor der St. Lourdes Kirche in Idinthakarai. Sie alle schlafen hier um dadurch sicher zu stellen, dass ihre Sprecher nicht Opfer einer Nacht- und Nebelaktion werden. Sie wollen ihrer Festnahme nur zustimmen, wenn sie dabei allesamt auch verhaftet w\u00fcrden.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">In mehreren im Internet ver\u00f6ffentlichten Briefen an befreundete Organisationen ausserhalb des Dorfes beschreibt Dr. S.P. Udayakumar wie er den Umgang der Regierung mit den Protestierenden wahrnimmt. \u201eWir werden behandelt wie Terroristen\u201c, schreibt er, \u201edabei haben wir niemanden verletzt oder get\u00f6tet. Wir haben weder privaten noch \u00f6ffentlichen Besitz besch\u00e4digt. Was signalisiert dieses brutale Verhalten der Regierung der indischen Jugend? Dass sie sich nicht beschweren und die Verletzung ihrer Rechte stumm hinnehmen sollte?\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Dr. Gladston Xavier, Dozent am Loyola College in Chennai und Mitglied der zuvor beschriebenen Untersuchungskommission, f\u00fcgt hinzu, dass die Regierung von Vorf\u00e4llen wie dem Arabischen Fr\u00fchling h\u00e4tte lernen sollen, dass die Unterdr\u00fcckung freier Meinungs\u00e4usserung einen explosiven Aufstand zur Folge haben kann.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Es stellt sich die Frage, warum die Verwaltung der bev\u00f6lkerungsreichsten Demokratie der Welt sich so vehement gegen die Unmutsbekundungen von Teilen seiner Bev\u00f6lkerung wehrt. Zieht man das gezielte Zur\u00fcckhalten von Informationen in Betracht, so k\u00f6nnte man vermuten, dass es sich bei dem wahren Profiteur des Projektes wohl gar nicht um das indische Volk handelt. Arbeitet die Regierung hier einfach f\u00fcr eine Handvoll Industrieller? Oder unterst\u00fctzt sie am Ende vor allem das Profitstreben der russischen Investoren?<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Die einfachste L\u00f6sung des Problems w\u00e4re eine sofortige Einstellung der Konstruktion. Die Lage des Atomkraftwerkes scheint sich in einem regelm\u00e4ssig von Naturkatastrophen heimgesuchten Gebiet zu befinden. \u201eIndien ist ein \u00e4usserst dicht besiedeltes Land\u201c, merkt Udayakumar an, \u201enur ein kleiner Unfall an einem Reaktor w\u00fcrde die Zukunft und das Wohlbefinden von Millionen Menschen gef\u00e4hrden. Wir als Protestbewegung sind nicht gegen den Fortschritt unseres Staates. Wir sind jedoch der Meinung, dass dieser nachhaltig und dadurch von langer Dauer sein sollte. Wir haben kein Recht, die Ressourcen unserer zuk\u00fcnftigen Generationen zu vergiften um f\u00fcr die n\u00e4chsten vierzig Jahre Elektrizit\u00e4t zu produzieren. Wir sagen, dass Indien eine Weltmacht mit kreativen, originellen Ideen sein sollte und sich nicht an Russland oder den Vereinigten Staaten orientieren sollte.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Jedoch wird es schwierig, die Regierung zu einer Beendung ihres Unterfangens zu bewegen. Obwohl sie bereits durch fr\u00fchere Perioden ohne Nahrungsaufnahme geschw\u00e4cht sind, befinden sich ab dem 1. Mai einige Personen, darunter auch Dr. S.P. Udayakumar, in einem unbegrenzten Hungerstreik. Als Bedingung zu dessen Ende haben die Protestierenden den Beamten folgende sechs Punkte vorgelegt:<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">\u201e1. Eine Sofortige und unbedingte Freilassung aller im Rahmen der Proteste Verhafteten,<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">2. die R\u00fccknahme aller falschen Anklagen,<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">3. eine Bereitstellung kostenloser Schulungen in Katastrophenmanagement und Evakuierungs- \u00dcbungen f\u00fcr alle Anwohner in einem Radius von 30 Kilometer,<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">4. die Aush\u00e4ndigung einer Kopie des Vertrages zwischen den russischen Investoren und der indischen Regierung zur Kl\u00e4rung der Verantwortlichkeiten,<br \/>\n5. die Bekanntmachung jeglicher Informationen \u00fcber die nuklearen Abf\u00e4lle des Kernkraftwerkes und deren Handhabung und<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">6. die Respektierung des demokratischen Rechts, die gewaltlosen, friedlichen Proteste fortzusetzen.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Diese Forderungen sind das absolute Mindestmass dessen, was die Regierungsvertreter der Bewegung und der lokalen Bev\u00f6lkerung schuldig ist. Wenn die Proteste um Kudankulam nicht als negatives Beispiel f\u00fcr den Stand der jetzigen Demokratie in Indien in die Geschichte eingehen sollen, muss auf die genannten Punkte eingegangen werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">____________________<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><em>Elias Bloch ist ein Student der Soziologie und Medienwissenschaften an der Universit\u00e4t Basel, Schweiz. Er ist freier Journalist Frieden.<br \/>\n<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im S\u00fcden Indiens protestieren \u00fcber 10&#8217;000 Menschen gegen den Bau eines neuen Atomkraftwerkes. 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