{"id":51432,"date":"2014-12-22T12:00:24","date_gmt":"2014-12-22T12:00:24","guid":{"rendered":"https:\/\/www.transcend.org\/tms\/?p=51432"},"modified":"2015-05-05T21:27:09","modified_gmt":"2015-05-05T20:27:09","slug":"deutsch-peacebuilding-von-unten-im-sudsudan","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.transcend.org\/tms\/2014\/12\/deutsch-peacebuilding-von-unten-im-sudsudan\/","title":{"rendered":"(Deutsch) Peacebuilding von unten im S\u00fcdsudan"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: left;\"><em>Hoffnungsvolle Ans\u00e4tze im j\u00fcngsten Staat der Erde<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Er ist das j\u00fcngste Land der Welt: Nach dem Friedensabkommen mit dem Sudan 2005, das ihm zun\u00e4chst eine Autonomie mit eigener Pr\u00e4sidentschaft bescherte, hat sich der S\u00fcdsudan nach einem Referendum im Januar 2011 endg\u00fcltig vom Sudan abgespalten und ist nun unabh\u00e4ngig. Ein Land von der Fl\u00e4che Frankreichs und der BeneluxL\u00e4nder mit vermutlich etwa 11 Millionen Einwohnern ist entstanden, eine dezentralisierte Bundesrepublik mit zehn Bundesstaaten (Central-, Eastern- und Western Equatoria, Jonglei, Northern-, Western Bahr el Ghal, Uiity\/Western Upper Nile, Uper Nile, Warrap und Lake).<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Der S\u00fcdsudan ist eines der \u00e4rmsten L\u00e4nder der Welt mit 60 ethnischen Gruppen, kaum Infrastruktur und einer Analphabetenrate von 73 Prozent der \u00fcber 15-J\u00e4hrigen. Zugleich ein Land mit gro\u00dfen Erd\u00f6lvorkommen, dessen Einnahmen laut Weltbank ausreichen w\u00fcrden, um die Armut im Land zu bek\u00e4mpfen. Chance f\u00fcr die Zukunft oder Fluch?<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Aktuell scheint es eher nach Fluch auszusehen. Innerhalb der Guerilla namens Sudanese People&#8217;s Liberation Army (SPLA), die Jahrzehnte lang gegen die mehrheitlich muslimische sudanesische Regierung k\u00e4mpfte, brach ein Kampf zwischen Pr\u00e4sident Salva Kiir Mayardit und dem langj\u00e4hrigen Vizepr\u00e4sidenten Riek Machar aus. Es geht um politische Macht, vor allem aber um die Kontrolle \u00fcber die Ressourcen: Erd\u00f6l, Gold, Kupfer und andere Mineralien. Durch die Zugeh\u00f6rigkeit der beiden Protagonisten und der mit ihnen verbundenen regionalen Milit\u00e4rbefehlshaber wurde der politische und wirtschaftliche Konflikt zu einem ethnischen. Kiir ist Dinka, Machar ist Nuer. Die Nuer stellten nach Angaben von Moses Monday John, Direktor der Organisation for Nonviolence and Democracy (Onad) 65 Prozent der regul\u00e4ren Milit\u00e4rtruppen, die nach der Unabh\u00e4ngigkeit aus der SPLA entstanden. Als Machar abgesetzt wurde, da er angeblich einen Putsch versucht hatte, erkl\u00e4rten sich viele von diesen Truppenangeh\u00f6rigen solidarisch mit Machar. Bundesstaaten wie Jonglei und Unity werden teilweise von Rebellen kontrolliert. Tausende Menschen starben, mehrere Tausend flohen.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Die UN-Mission f\u00fcr S\u00fcdsudan (Unmiss) h\u00e4lt Lager f\u00fcr Vertriebene bereit, die Zahl von Blauhelmen soll auf 5500 erh\u00f6ht, auch UN-Polizeitruppen sollen verst\u00e4rkt werden. Die Afrikanische Union hat mit Unterst\u00fctzung des US-Au\u00dfenministers John Kerry Gespr\u00e4che zwischen Kiir und Machar in Addis Abeba vermittelt. Aktuell &#8211; so berichtet Monday John &#8211; wurde am 9. Mai ein Friedensfahrplan zwischen den beiden vereinbart, der am 9. Juni konkretisiert wurde: In 60 Tagen soll eine Regierung der nationalen Einheit gebildet werden. Und die Zivilgesellschaft S\u00fcdsudans soll in diesen Prozess einbezogen werden.<br \/>\nS\u00fcdsudanesische Zivilgesellschaft?<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Ja, es gibt sie. Sie k\u00e4mpft f\u00fcr Frieden und Demokratie und sie ist vergleichsweise gut organisiert und vernetzt mit den zahlreichen amerikanischen und europ\u00e4ischen Entwicklungshilfeorganisationen in Juba. Zu ihr geh\u00f6rt neben der Initiative for Promotion of Civil Society (IPCS) oder den Citizens for Peace and Justice auch die Organisation Onad, die Monday John vertritt. Sie wurde 1994 in Khartoum von s\u00fcdsudanesischen Studenten gegr\u00fcndet, die vor den K\u00e4mpfen im S\u00fcden geflohen waren, aber deren Anliegen nicht geh\u00f6rt worden waren. Sie trafen sich im Umfeld der Katholischen Kirche. &#8220;Die Gr\u00fcnder hatten sicher einen stark christlichen Hintergrund&#8221;, sagt Mamoun Abdallah, Direktor der Sudanese Organisation for Nonviolence and Democracy (Sonad). Aber die Organisation ist \u00fcberkonfessionell und will ethnische Spannungen \u00fcberwinden und die zahlreichen lokalen und regionalen Konflikte im Land mit gewaltfreien Methoden bearbeiten. Sie arbeitet weiterhin in Khartoum und anderen Teilen des Sudans, macht Trainings in Gewaltfreiheit, gerade auch f\u00fcr Dorfchefs, lokale F\u00fchrer und Frauen, f\u00f6rdert die demokratische Partizipation in D\u00f6rfern und St\u00e4dten und vermittelt in Konflikten, vor allem zwischen Bauern- und Viehz\u00fcchter-Gesellschaften. Sie hat Menschenrechtsgruppen gegr\u00fcndet und Informationen gesammelt, auch \u00fcber die Situation in Darfur. Es gab Zeiten der Repression, in denen sie ihre Arbeit zeitweise einstellte. Sonad wurde in ihrer Arbeit auch von deutschen Friensfachkr\u00e4ften unterst\u00fctzt, im n\u00f6rdlichen und im s\u00fcdlichen Teil des Sudans.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Seit der Unabh\u00e4ngigkeit des S\u00fcdsudans 2011 hat sich Onad von Sonad abgespalten, als Schwesterorganisation im neuen Staat sozusagen. \u00c4hnlich wie auch Sonad arbeitet Onad in vier Programmen. Neben einem zur internen Organisationsentwicklung sind dies Gewaltfreiheit und Friedensaufbau, Governance und Volksbildung sowie Gemeindeentwicklung und Gender. Was wie ein Katalog aktueller entwicklungspolitischer Ans\u00e4tze aussieht, ist jedoch beileibe nicht nur ein Import westlicher Entwicklung. Vielmehr versucht Onad &#8211; wie Monday John betont -, afrikanische Formen der lokalen Demokratie (Stichwort: Dorfpalaver) zum Nutzen der Gemeinde und einer aktiven Teilhabe der Menschen anzuwenden. Dazu nutzt sie die sog. &#8220;Townhall-style meetings&#8221; (etwa: Versammlung im Stil von Stadtratssitzungen), bei denen neben gew\u00e4hlten Vertretern auch Jugendgruppen, Frauenorganisationen, Vertreter h\u00f6herer politischer Instanzen oder lokale Parlamentsabgeordnete in einen Dialog treten, um die Gemeinde durch Aktionspl\u00e4ne und die Zuweisung klarer Zust\u00e4ndigkeiten voranzubringen.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Es gibt auch Projekte f\u00fcr eine &#8220;Schule f\u00fcr Demokratie&#8221;, wo den Sch\u00fclern u.a. gewaltfreie Streitschlichtung beigebracht werden soll.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Ein weiterer Fokus liegt auf der F\u00f6rderung der Frauen. Auch sie nehmen an Workshops zur Gewaltfreiheit teil, hier befindet sich aber der Schwerpunkt auf der sog. &#8220;gender-based-violence&#8221;, die durch die Kriege in der Regel verst\u00e4rkt wird. Frauen litten stark darunter, sagt die Onad-Trainerin Suuan Wasuk Felix. Sie leiden aber auch an rechtlichen Einschr\u00e4nkungen im Justizwesen oder an der fr\u00fchen Verheiratung (50 Prozent der 15- bis 19-j\u00e4hrigen S\u00fcdsudanesinnen sind verheiratet worden). Onad st\u00e4rkt Frauen bei der Verteidigung ihrer Rechte und ihrer wirtschaftlichen und politischen Teilhabe.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Die Situation der Jugend war ja bereits Ausgangspunkt f\u00fcr die Gr\u00fcndung von (S) Onad. &#8220;Jugendliche haben im B\u00fcrgerkrieg die Soldaten gestellt&#8221;, sagt Monday John, aber sie h\u00e4tten diese K\u00e4mpfe nicht angezettelt. Viele sind traumatisiert. Wenn sie nicht gerade ihren Eltern auf dem Feld oder bei den Herden helfen, haben sie h\u00e4ufig nichts zu tun. Posttraumatische Belastungsst\u00f6rungen und mangelnde Perspektiven f\u00fchrten dann manche bei geringen Anl\u00e4ssen dazu, Gewaltaktionen gegen andere zu begehen und Konflikte um Vieh oder auch M\u00e4dchen zu eskalieren. Hier setzt Onad mit Trainings zur Gewaltfreiheit f\u00fcr ausgesuchte Jugendliche an, bei denen Mechanismen gelernt werden, um die vorhandenen Konflikte ohne Gewalt zu l\u00f6sen. So erkl\u00e4rte ein Teilnehmer eines Workshops \u00fcber Gewaltfreiheit und Traumaheilung, dass er im Jahre 2011 als ein Jugendf\u00fchrer in Yirol West und Mvolo (Bundesstaat Lakes) Personen anderer ethnischer Gruppen get\u00f6tet hatte. Er war im Gef\u00e4ngnis, stand in Gefahr, hingerichtet zu werden, wurde jedoch amnestiert. Inzwischen hat er seine Waffe abgegeben und will f\u00fcr Frieden eintreten und sein Vieh ohne Waffen verteidigen. Er spricht dabei aus, was wohl viele Menschen \u00fcber Gewaltfreiheit denken: &#8220;Normalerweise sch\u00e4tzen wenige Menschen Gewaltfreiheit a priori, andere zweifeln daran, ob sie in unserer militarisierten und gewaltsamen Gesellschaft funktionieren kann. Schlie\u00dflich meinen andere, dass sie in weniger gewaltsamen Gesellschaften sicher funktioniert, aber nicht im S\u00fcdsudan.&#8221;<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Es ist noch nicht ausgemacht, wie sich der S\u00fcdsudan entwickeln wird. Es scheint jedoch einige Menschen zu geben, die friedliche Wege zu gehen bereit sind &#8211; sowohl im S\u00fcdsudan selbst wie auch im Umfeld, seien sie von der UN und ihren Organisationen, von der Afrikanischen Union oder auch von internationalen Friedensorganisationen wie die Nonviolent Peaceforce, die als unbewaffnete Peacekeeper Menschen sch\u00fctzen, damit diese solche Arbeiten verrichten k\u00f6nnen wie es Onad tut. Oder einfach, um zu leben, wie der \u00dcberfall auf ein Lager der Unmiss im April diesen Jahres zeigte: Bewaffnete fielen in dem Camp ein und t\u00f6teten 50 Menschen, die meisten Angeh\u00f6rige der Nuer. In einem Zelt waren zwei Friedensfachkr\u00e4fte mit insgesamt zw\u00f6lf Frauen und Kindern. Die Bewaffneten forderten die beiden auf, das Zelt zu verlassen. Sie weigerten sich und sagten, sie seien humanit\u00e4re Helfer und diese Frauen und Kinder seien unschuldig und h\u00e4tten nichts mit dem Konflikt zu tun. Sie w\u00fcrden bei ihnen bleiben, geschehe was wolle. Die Bewaffneten zogen ab. Zw\u00f6lf Menschenleben wurden gerettet &#8211; aufgrund dessen, dass keine Waffen zu deren Schutz vorhanden waren.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Vielleicht w\u00fcrde es all diese Menschen st\u00e4rken und die kriegerischen schw\u00e4chen, wenn nicht nur &#8211; wie sie oft &#8211; \u00fcber die kriegerischen Handlungen, die wie eine Naturgewalt \u00fcber das Land hineinzubrechen scheinen, berichtet werden w\u00fcrde, sondern auch \u00fcber jene, die f\u00fcr eine friedliche Entwicklung des j\u00fcngsten Staates der Erde arbeiten. Es sind mehr als wir denken, aber l\u00e4ngst nicht gen\u00fcgend.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">_____________________________<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><em>Stephan Br\u00fces ist ZivilCourage-Redakteur und Vorsitzender des Bundes f\u00fcr Soziale Verteidigung (BSV).<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><em>Originally published in &#8220;ZivilCourage Nr. 4 &#8211; November 2014 Das Magazin f\u00fcr Pazifismus und Antimilitarismus der DFG-VK&#8221;.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><em>Submitted by TRANSCEND member Benno Fuchs.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><a target=\"_blank\" href=\"http:\/\/www.schattenblick.de\/infopool\/buerger\/fr-gesel\/dfber321.html\" >Go to Original \u2013 schattenblick.de<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Er ist das j\u00fcngste Land der Welt: Nach dem Friedensabkommen mit dem Sudan 2005, das ihm zun\u00e4chst eine Autonomie mit eigener Pr\u00e4sidentschaft bescherte, hat sich der S\u00fcdsudan nach einem Referendum im Januar 2011 endg\u00fcltig vom Sudan abgespalten und ist nun unabh\u00e4ngig.<\/p>\n","protected":false},"author":4,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[46],"tags":[],"class_list":["post-51432","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-original-languages"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.transcend.org\/tms\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/51432","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.transcend.org\/tms\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.transcend.org\/tms\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.transcend.org\/tms\/wp-json\/wp\/v2\/users\/4"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.transcend.org\/tms\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=51432"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.transcend.org\/tms\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/51432\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.transcend.org\/tms\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=51432"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.transcend.org\/tms\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=51432"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.transcend.org\/tms\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=51432"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}