{"id":52831,"date":"2015-01-26T12:00:34","date_gmt":"2015-01-26T12:00:34","guid":{"rendered":"https:\/\/www.transcend.org\/tms\/?p=52831"},"modified":"2015-05-05T21:26:11","modified_gmt":"2015-05-05T20:26:11","slug":"deutsch-vom-langen-ende-der-friedensforschung-und-wie-ihr-gesellschaftskritik-abhanden-kam","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.transcend.org\/tms\/2015\/01\/deutsch-vom-langen-ende-der-friedensforschung-und-wie-ihr-gesellschaftskritik-abhanden-kam\/","title":{"rendered":"(Deutsch) Vom Langen Ende Der Friedensforschung &#8230; Und Wie Ihr Gesellschaftskritik Abhanden Kam"},"content":{"rendered":"<p>Debatten \u00fcber Krieg und Frieden sind nicht allein von geopolitischen Interessenkonstellationen und Konfliktlagen beeinflusst, sondern ebenso von der gesellschaftlich organisierten Wissensproduktion zu diesen Fragen \u2013 in erster Linie an Hochschulen und au\u00dferuniversit\u00e4ren Forschungsinstituten. Aus dieser Einsicht gr\u00fcndeten eine Reihe kritischer WissenschaftlerInnen 1968 die Arbeitsgemeinschaft f\u00fcr Friedens- und Konfliktforschung ( AFK ) mit dem Ziel, die Friedensforschung als eigenst\u00e4ndige akademische Disziplin zu etablieren. Das Ziel wurde erreicht, der Inhalt jedoch \u00fcber die Jahre radikal ver\u00e4ndert: Statt um Gesellschaftskritik geht es heute um Konfliktmanagement.<\/p>\n<p><strong>Friedensforschung Als Gesellschaftskritik<\/strong><\/p>\n<p>In ihren Anf\u00e4ngen war die AFK stark beeinflusst von dem norwegischen Friedensforscher Johan Galtung, der wegen seiner Arbeiten zu \u00bbstruktureller Gewalt\u00ab von Konservativen in die n\u00e4he der Rote-Armee-Fraktion ger\u00fcckt wurde. Mehrheitlich ging es den Mitgliedern um eine gesellschaftskritische Ausrichtung ihrer Disziplin. \u203aKritische Friedensforschung\u2039 verstanden sie in Anlehnung an die Frankfurter Schule als eine Disziplin, die die Ursachen von Gewalt in den Gesellschaften selbst verortet und untersucht. In Abgrenzung zur traditionellen \u203aBefriedungsforschung\u2039 verstanden sich die kritischen FriedensforscherInnen als \u00bbwissenschaftliche Parteig\u00e4nger von Menschen, die durch die ungleiche Verteilung sozialer und \u00f6konomischer Lebenschancen in und zwischen Nationen (d.h. durch strukturelle Gewalt) betroffen sind: von Ausgebeuteten, von sozial Diskriminierten und von unmittelbar in ihrer physischen Existenz Bedrohten\u00ab (Wachsmuth 1998, 177). Ihr Friedensbegriff ging \u00fcber das klassische Verst\u00e4ndnis der Untersuchung eines (zwischenstaatlichen) Verh\u00e4ltnisses von Krieg und Frieden hinaus, und eine enge Zusammenarbeit mit der Friedensbewegung war selbstverst\u00e4ndlicher Teil der eigenen wissenschaflich-politischen Praxis. In diesem Sinne bezogen die AFK und ihr Vorstand auch politisch Position und gaben Erkl\u00e4rungen zu aktuellen Konflikten ab. Der zu Ende gehende Vietnam-Krieg, die Ostpolitik der Regierung Brandt, aber auch der NATO &#8211; Nachr\u00fcstungsbeschluss zu Beginn der 1980er Jahre st\u00e4rkten den \u203akritischen\u2039 Fl\u00fcgel innerhalb der AFK .<\/p>\n<p><strong>Lobbyismus F\u00fcr Den Frieden<\/strong><\/p>\n<p>Eine gewisse Unterst\u00fctzung erfuhr die AFK zu Beginn ihres Wirkens auch im politischen Betrieb \u2013 ausschlaggebend waren hier die politischen Umbr\u00fcche des Jahres 1968. Nach der Bundestagswahl im September 1969 bildete Willy Brandt gemeinsam mit der FDP die erste sozialdemokratisch gef\u00fchrte Regierung der Nachkriegszeit. Am 5. M\u00e4rz desselben Jahres war Gustav Heinemann zum Bundespr\u00e4sidenten gew\u00e4hlt worden. Der Spiegel portr\u00e4tierte ihn folgenderma\u00dfen: \u00bbIm Bonner Bundestag stellte sich ein Lobbyist vor. Bundespr\u00e4sident Gustav Heinemann warb in seiner Antrittsrede am 1. Juli um Unterst\u00fctzung f\u00fcr eine neue Wissenschaft: die Friedensforschung.\u00ab Kurz darauf wurde die Deutsche Gesellschaft zur F\u00f6rderung der Friedensforschung gegr\u00fcndet, um eine unabh\u00e4ngige Finanzierung jenseits des etablierten Systems der Deutschen Forschungsgemeinschaft ( DFG ) sicherzustellen \u2013 damals auch eine zentrale Forderung der AFK. Die DFG und ihr Gutachtersystem waren von den alten Ordinarien besetzt, die Friedensforschung mehrheitlich ablehnten oder gar bek\u00e4mpften. 1 Au\u00dferdem entstanden im Laufe der 1970er Jahre eine Reihe von Instituten f\u00fcr Friedensforschung: das Max-Planck-Institut zur Erforschung der Lebens- und Umweltbedingungen der wissenschaftlich-technischen Welt, die Forschungsgemeinschaft der Evangelischen Studiengemeinschaft Heidelberg ( FEST ), die Hessische Stiftung f\u00fcr Friedens- und Konfliktforschung ( HSFK ), das Institut f\u00fcr Friedensforschung und Sicherheitspolitik an der Universit\u00e4t Hamburg ( ISFH ) und das Bonn International Center for Conversion ( BICC ). 2 Auch an Universit\u00e4ten wurde die Friedensforschung verankert, so vor allem an der Freien Universit\u00e4t Berlin, aber auch in T\u00fcbingen, Kassel und an anderen Hochschulen. Die Disziplin blieb aber politisch umk\u00e4mpft. Nachdem Bayern bereits aus der DGFK -Finanzierung ausgestiegen war, wurde diese 1983 von der damaligen CDU &#8211; FDP -Koalition komplett aufgel\u00f6st und die F\u00f6rderung wieder der DFG zugewiesen. Unter Rot-Gr\u00fcn wurde mit der Deutschen Stiftung Friedensforschung zwar erneut eine DFG &#8211; unabh\u00e4ngige Forschungsf\u00f6rderung eingerichtet. Ihre Aufgabe steht dem urspr\u00fcnglichen Ansatz und Selbstverst\u00e4ndnis der kritischen Friedensforschung jedoch klar entgegen. Zweck der Stiftung ist es laut Satzung, \u00bbdie Friedensforschung ihrer au\u00dfen- und sicherheitspolitischen Bedeutung gem\u00e4\u00df insbesondere in Deutschland dauerhaft zu st\u00e4rken und zu ihrer politischen und finanziellen Unabh\u00e4ngigkeit beizutragen\u00ab. Damit wurde eine Engf\u00fchrung finanzierungsw\u00fcrdiger Vorhaben auf die klassische Frage nach Krieg und Frieden festgeschrieben.<\/p>\n<p><strong>Von Akademisierung Und Drittmitteln<\/strong><\/p>\n<p>Die Mehrheit der WissenschaftlerInnen versteht die Friedens- und Konfliktforschung heute als technizistische Disziplin. Die Friedensforschung zieht sich in den Elfenbeinturm zur\u00fcck (Strutynski 2002) und kommt dort an, wo ihre KritikerInnen im wissenschaftlichen Establishment sie seit in ihrer Gr\u00fcndungsphase haben wollten. Die Besetzung von Professuren erfolgt nach den Kriterien der (inzwischen wieder) etablierten scheinbar unpolitischen Wissenschaft, kritische Wissenschaft wird als normativ disqualifiziert (Ruf 2009). Neben der Akademisierung waren und sind f\u00fcr diese Entwicklung auch deren spezifische Finanzierungsbedingungen verantwortlich, um die anfangs gestritten worden war. Wissenschaft ist seit den 1990er Jahren fest im Griff des stummen Zwangs der Drittmittelfinanzierung. Die Friedensforschungsinstitute der 1970er Jahre waren \u00fcberwiegend als sogenannte An-Institute entstanden. Universit\u00e4ten zugeordnet, waren sie von diesen finanziell unabh\u00e4ngig und auf externe F\u00f6rderung angewiesen, das hei\u00dft an Forschungsprojekte gebundene Gelder, die von sehr wenigen privaten, meist aber staatliche Einrichtungen vergeben werden. Wichtige Akteure sind heute Ministerien, die mit Fragen der Konfliktbearbeitung befasst sind: das Bundesministerium f\u00fcr Verteidigung, das Ausw\u00e4rtige Amt und das Bundesministerium f\u00fcr wirtschaftliche Zusammenarbeit. Die Leiter der Institute, meist bestallte Universit\u00e4tsprofessorInnen, stehen gegen\u00fcber ihren MitarbeiterInnen, die in der Regel auf befristeten Projektstellen sitzen, in der sozialen Pflicht und versuchen, deren materielle Existenz durch Anschlussprojekte zu sichern. Hier ergibt sich ein Teufelskreis, der auch das Bewusstsein der Beteiligten pr\u00e4gt: Dies reicht von der \u00dcbernahme der Begrifflichkeiten (peace keeping, peace enforce- ment usw.), die in geradezu fataler Weise jene \u203aPetersberg-Prinzipien\u2039 3 reproduzieren und in der postbipolaren Welt dem Interventionswillen der EU &#8211; und NATO -Staaten T\u00fcr und Tor \u00f6ffneten, bis zur Einwerbung von Projekten, die mit dem Ansatz der kritischen Friedensforschung nichts mehr zu tun haben. Eine weitere Folge der so eingeleiteten Entpolitisierung der Friedensforschung ist das Auseinanderdriften von Friedenswissen- schaft und Friedensbewegung: W\u00e4hrend die Friedensforschung sich in den 1970er und 1980er Jahren als Mit- und Vordenker der Friedensbewegung verstand und von dieser gefordert wurde, hat der R\u00fcckzug in den Elfenbeinturm die fruchtbare Interaktion zwischen beiden beendet. Mit den Produkten der etablierten Friedensforschung wei\u00df die Friedensbewegung nichts mehr anzufangen \u2013 und die Friedensforschung bedarf der Friedensbewegung nicht mehr, kommt diese doch als \u203aDrittmittelgeber\u2039 nicht infrage. Jedoch scheinen sich j\u00fcngst neue Perspektiven zu er\u00f6ffnen: Die Auseinandersetzungen im wissenschaftlichen Feld, der Kampf gegen die \u203aVerschlankung\u2039 der Hochschulen bis hin zur Schlie\u00dfung ganzer Einrichtungen, die Besetzungen von Hochschulen, der Bildungsstreik und der Kampf um Lehrst\u00fchle f\u00fcr kritische Wissenschaft oder kritische Tutorien lassen neue Verbindungen zwischen bildungspolitischen und friedenspolitischen Aktivit\u00e4ten aufscheinen. Etwa wenn es um den Kampf f\u00fcr Zivilklauseln an den Universit\u00e4ten (vgl. G ohlke in diesem Heft) oder um das B\u00fcndnis gegen die Pr\u00e4senz der Bundeswehr in Schulen geht. Festzustellen ist: Die Einf\u00fchrung marktwirtschaftlicher Prinzipien in Forschung und Lehre hat die Bedingungen der Wissensproduktion nachhaltig ver\u00e4ndert: Forschung muss sich \u00fcber die Einwerbung von Drittmitteln auf dem Markt bew\u00e4hren. Scheinbar unbemerkt wird so ein neuer Typus von WissenschaftlerIn produziert, die\/der sich und ihre\/seine Qualit\u00e4t selbst am Erreichten misst: Sitz in Kommissionen und Beratungsgremien, Zahl der Drittmittelprojekte und der dort (auf Zeit) besch\u00e4ftigten MitarbeiterInnen. Politischer Einfluss auf die \u2013 schon immer nur vermeintlich unpolitische \u2013 Wissenschaft wird unmittelbarer. F\u00fcr die Friedensforschung hei\u00dft dies, dass sie in ihrer Mehrheit eine Legitimation jener Strukturen betreibt, die zu kritisieren und zu bek\u00e4mpfen die kritische Friedensforschung einmal angetreten war. Dies m\u00fcndet geradlinig in den Neusprech von \u00bbmehr deutscher Verantwortung\u00ab. Dennoch mehren sich die Anzeichen (s. o.), dass der Widerstand gegen die neoliberale Formierung der Wissenschaft w\u00e4chst und dass gerade die au\u00dfen- und sicherheitspolitische Wende der deutschen Politik auch der kritischen Friedensforschung wieder Auftrieb gibt.<\/p>\n<p><strong>Literatur <\/strong><\/p>\n<p>Strutynski, Peter, 2002: Friedens- und Konfliktforschung politisieren, in: Wissenschaft und Frieden 2\/2002, 52\u201356 Wasmuht, Ulrike C., 1998: Geschichte der deutschen Friedensforschung , M\u00fcnster<\/p>\n<p>1 Heinemann attestierte den Kritikern, \u00bbdass sie Friedensforschung nicht mit streng wissenschaftlicher Arbeit in Verbindung bringen, sondern mit Propaganda f\u00fcr den Frieden. Andere halten sie gar f\u00fcr ein von Kommunisten erdachtes Tarnman\u00f6ver, mit dem die westliche Welt in Sicherheit gewiegt werden soll\u00ab (zit. n. Wasmuht 1998, 207).<br \/>\n2 Die vier letztgenannten Institute geben das seit 1987 j\u00e4hrlich erscheinende Friedensgutachten heraus.<br \/>\n3 Diese 1992 beschlossenen Einsatzformen f\u00fcr die Streitkr\u00e4fte der EU-Staaten beinhalten: 1) humanit\u00e4re Aufgaben, 2) Rettungseins\u00e4tze, 3) friedenserhaltende Aufgaben sowie 4) Kampfeins\u00e4tze bei der Krisenbew\u00e4ltigung, einschlie\u00dflich friedenschaffender Ma\u00dfnahmen.<\/p>\n<p>_________________________________________<\/p>\n<p><em><a target=\"_blank\" href=\"http:\/\/www.rosalux.de\/publication\/41019\/weltkrisenpolitik.html\" >http:\/\/www.rosalux.de\/publication\/41019\/weltkrisenpolitik.html<\/a><br \/>\n<a target=\"_blank\" href=\"http:\/\/www.zeitschrift-luxemburg.de\/lux\/wp-content\/uploads\/2015\/01\/LUX_1403_E-Abo.pdf\" >http:\/\/www.zeitschrift-luxemburg.de\/lux\/wp-content\/uploads\/2015\/01\/LUX_1403_E-Abo.pdf<\/a><\/em><\/p>\n<ol>\n<li><em> 120ff, LUXEMBURG 3\/2014 <\/em><\/li>\n<\/ol>\n<p><em>Pages 120 to 123: <a target=\"_blank\" href=\"http:\/\/www.zeitschrift-luxemburg.de\/lux\/wp-content\/uploads\/2015\/01\/LUX_1403_E-Abo.pdf\" >http:\/\/www.zeitschrift-luxemburg.de\/lux\/wp-content\/uploads\/2015\/01\/LUX_1403_E-Abo.pdf<\/a><\/em><\/p>\n<p><em>Werner Ruf ist Politologe und Friedensforscher und war bis zu seiner Emeritierung 2003 Professor f\u00fcr internationale und intergesellschaftliche Beziehungen und Au\u00dfenpolitik an der Universit\u00e4t Kassel. Seit Jahren engagiert er sich im Ge\u00adspr\u00e4chskreis Friedens und Sicherheitspolitik der Rosa-Luxemburg-Stiftung.<\/em><\/p>\n<p><em>Submitted by TRANSCEND member Benno Fuchs.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Debatten \u00fcber Krieg und Frieden sind nicht allein von geopolitischen Interessenkonstellationen und Konfliktlagen beeinflusst, sondern ebenso von der gesellschaftlich organisierten Wissensproduktion zu diesen Fragen \u2013 in erster Linie an Hochschulen und au\u00dferuniversit\u00e4ren Forschungsinstituten.<\/p>\n","protected":false},"author":4,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[46],"tags":[],"class_list":["post-52831","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-original-languages"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.transcend.org\/tms\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/52831","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.transcend.org\/tms\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.transcend.org\/tms\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.transcend.org\/tms\/wp-json\/wp\/v2\/users\/4"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.transcend.org\/tms\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=52831"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.transcend.org\/tms\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/52831\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.transcend.org\/tms\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=52831"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.transcend.org\/tms\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=52831"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.transcend.org\/tms\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=52831"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}