{"id":54704,"date":"2015-03-09T12:00:23","date_gmt":"2015-03-09T12:00:23","guid":{"rendered":"https:\/\/www.transcend.org\/tms\/?p=54704"},"modified":"2015-05-05T21:26:00","modified_gmt":"2015-05-05T20:26:00","slug":"deutsch-charlie-und-die-heuchler","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.transcend.org\/tms\/2015\/03\/deutsch-charlie-und-die-heuchler\/","title":{"rendered":"(Deutsch) Charlie und die Heuchler"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"https:\/\/www.transcend.org\/tms\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/CharlieTitelblatt-hebdo-paris.jpg\" ><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-54706\" src=\"https:\/\/www.transcend.org\/tms\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/CharlieTitelblatt-hebdo-paris.jpg\" alt=\"CharlieTitelblatt hebdo paris\" width=\"640\" height=\"853\" srcset=\"https:\/\/www.transcend.org\/tms\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/CharlieTitelblatt-hebdo-paris.jpg 640w, https:\/\/www.transcend.org\/tms\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/CharlieTitelblatt-hebdo-paris-225x300.jpg 225w\" sizes=\"auto, (max-width: 640px) 100vw, 640px\" \/><\/a><\/p>\n<p><em>Anlass zu einer ungeschminkten Ursachenforschung<\/em><\/p>\n<p><em>Millionen behaupteten am 11. Januar 2015, dass sie Charlie sind (\u201eJe suis Charlie\u201c). Die meisten von ihnen hatten bis zur Nachricht \u00fcber die Ermordung der zehn Journalisten keine Ahnung, dass es eine Satirezeitschrift namens Charlie Hebdo \u00fcberhaupt gibt. Dessen ungeachtet nahmen sie \u00fcber Nacht eine neue Identit\u00e4t an.<br \/>\n<\/em><br \/>\n<strong>Der Charlie-Hype <\/strong><\/p>\n<p>Heute ist Charlie Hebdo weltbekannt. Die Auflagenzahl verhundertfachte sich und die Exemplare reichten trotzdem nicht aus. Hinz und Kunz waren Pr\u00e4sident Hollandes Einladung zum Marche R\u00e9publicaine gefolgt. Fast alle waren sie da, die man dort erwarten konnte: die EU-Repr\u00e4sentanten Juncker, Schulz und Tusk, die Regierungschefs Cameron, Merkel, Renzi, Rajoy, aber auch handverlesene Lichtfiguren im Kampf f\u00fcr die Menschenrechte wie etwa Netanjahu, Poroschenko und Orban, selbstverst\u00e4ndlich auch der NATO-Generalsekret\u00e4r. Sie haben &#8211; wohlabgeschirmt von der marschierenden Menschenmenge &#8211; in einer abgesperrten Stra\u00dfe medienwirksam f\u00fcr Presse- und Meinungsfreiheit posiert. Die Fake-Bilder haften im Ged\u00e4chtnis, sie sind Ausdruck eines Medienschwindels und einer beklemmenden Doppelmoral. Unausgesprochen war auch die Bedrohung durch islamistische Terroristen in den K\u00f6pfen der Trauermarschierer.<\/p>\n<p>Zwei Gro\u00dfe fehlten in Paris, Putin und Obama. Da der russische Pr\u00e4sident die Menschenrechte nicht zu seinem Markenzeichen erkoren hatte, konnte man sein Fehlen verschmerzen. Aber US-Pr\u00e4sident Barack Obama, Friedensnobelpreistr\u00e4ger und Guantanamo-Betreiber (Prantl: \u201eH\u00e4uptling gespaltene Zunge\u201c), ist er etwa nicht Charlie?<\/p>\n<p>Er, der ebenso hingebungsvoll wie erfolglos mit Drohnen, Kampfjets und CIA-Agenten f\u00fcr die \u201ewestlichen Werte\u201c k\u00e4mpft? Sein Fehlen war ein Fehler, h\u00f6rt man aus dem Wei\u00dfen Haus.<\/p>\n<p>Inzwischen ist der Entr\u00fcstungsorkan der ersten Tage abgeflaut. F\u00e4hnchen und Transparente mit der Aufschrift \u201eJe suis Charlie\u201c setzen in Kellerr\u00e4umen Staub an. Das ruhige Nachdenken kann beginnen.<\/p>\n<p>Angesichts der Tragik des Geschehens und der gro\u00dfen internationalen Solidarit\u00e4t dr\u00e4ngt sich die Frage auf:<br \/>\nMuss jeder rechtschaffene Mensch Charlie sein?<\/p>\n<p>Meine Antwort vorweg: Nein! Doch vermutlich ist das eine Mindermeinung. Seit dem Anschlag hat die westliche Welt ihr Herz f\u00fcr Charlie Hebdo entdeckt. Das ist keineswegs selbstverst\u00e4ndlich. Denn anst\u00f6\u00dfige Bilder \u00fcber Jesus und den Papst werden im christlichen Abendland \u00fcblicherweise in der Luft zerrissen \u2013 vor allem von denen, die beim Marche R\u00e9publicaine in der vordersten Reihe standen. Warum darf man Mohammed l\u00e4cherlich machen und Jesus nicht?<\/p>\n<p><strong>Es riecht nach Heuchelei. <\/strong><\/p>\n<p>Die Morde an den Journalisten sind grauenvoll und Zeichen heilloser geistiger Verirrung. Wer immer die T\u00e4ter waren, es waren Verr\u00fcckte, fernab von ihrer Religion.<\/p>\n<p>Die Freiheit der Presse ist ein hohes Gut. Das gilt auch dann, wenn wesentliche Teile der Medien hierzulande von ihrer verfassungsrechtlich verb\u00fcrgten Freiheit nur noch unzul\u00e4nglich Gebrauch machen und sich stattdessen zum B\u00fcttel der Staatsmacht erniedrigen. Der Verlust an verl\u00e4sslicher Information ist schmerzlich. Charlie Hebdo ist nicht eingeknickt. Das Magazin zeigte immer Z\u00e4hne, oft auch Geifer, es war bissig und provokant, was ihm letztlich zum Verh\u00e4ngnis wurde.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich gibt es auch ein Recht auf religi\u00f6se Satire. Ihr muss es erlaubt sein, scheinheiligen Glaubensgemeinschaften, kriminellen Klerikern und bigotten Gl\u00e4ubigen schonungslos den Spiegel vorzuhalten. Nach meinem Verst\u00e4ndnis gibt es aber kein Recht auf Verletzung religi\u00f6ser Gef\u00fchle.<\/p>\n<p>Es ist nicht Aufgabe der Satire, zentrale religi\u00f6se Symbole wie Jesus oder Mohammed ver\u00e4chtlich zu machen. Auch Menschen, die &#8211; wie ich &#8211; auf keine religi\u00f6se Stimme h\u00f6ren, wissen, dass es eine Grenze gibt, wo Spa\u00df aufh\u00f6rt. Sie wissen, dass es f\u00fcr Gl\u00e4ubige einen Kernbereich gibt, der ihnen heilig ist. Diese Grenze muss man auch in einer libert\u00e4ren Gesellschaft nicht \u00fcberschreiten. Und genau das tat bzw. tut Charlie Hebdo. Seine Karikaturen sind h\u00e4ufig verletzend. Wer gl\u00e4ubige Muslime kr\u00e4nken will, muss nur den Propheten oder den Koran ver\u00e4chtlich machen. Die Redakteure von Charlie Hebdo wussten das. Sie haben absichtsvoll Muslime weltweit tief getroffen und heftige Reaktionen in Kauf genommen. Der Hinweis der Charlie-Verteidiger, dass die Redakteure mit anderen Religionen nicht schonender umgegangen seien, mag richtig sein, aber das macht die Sache nicht besser. Die unterschiedliche Reaktion auf Beleidigungen liegt darin, dass in der westlichen Welt die religi\u00f6se Verankerung nicht mehr so fest ist und dass man deshalb mit solchen Verletzungen im Regelfall gelassener umgeht.<\/p>\n<p>Wenn man der gr\u00f6\u00dferen Verletzbarkeit der muslimischen Welt mit mehr Empathie begegnen w\u00fcrde, w\u00e4re das nicht Ausdruck von Feigheit oder gar Kapitulation. Es w\u00e4re nur Respekt vor anderen \u00dcberzeugungen. Kluge Selbstbeschr\u00e4nkungen sind uns nicht fremd: Kein halbwegs normaler Mensch findet Witze \u00fcber den Holocaust lustig. Dies ist zwar nicht religi\u00f6sen Gef\u00fchlen geschuldet, wohl aber der R\u00fccksichtnahme auf die Verletzbarkeit anderer. Da Charlie Hebdo zu diesem Feingef\u00fchl offensichtlich nicht f\u00e4hig ist, lautet meine Antwort: Je ne suis pas Charlie.<\/p>\n<p>Aber nochmals, die Ermordung der Redaktionsmitglieder ist eine zivilisatorische Katastrophe. Damit ihr Tod nicht v\u00f6llig sinnlos ist, muss er Anlass zu einer ungeschminkten Ursachenforschung sein.<\/p>\n<p><strong>Wir sind die Guten <\/strong><\/p>\n<p>Eine ehrliche Gewissenserforschung zeigt, dass der freie, auf einer vermeintlichen \u201echristlich-j\u00fcdischen Wertegemeinschaft\u201c aufbauende Westen in eine be\u00e4ngstigende, ja gef\u00e4hrliche Selbstgef\u00e4lligkeit verfallen ist. Wir sprechen es zwar nicht offen aus, aber wir lassen keinen Zweifel daran: Wir sind die Guten. Wer nicht mitspielt, ist der B\u00f6se. Der Vorteil ist, dass diese Weltsicht einfach, der Nachteil, dass sie konflikttr\u00e4chtig ist. Wir feiern die westlichen, freiheitlichen, demokratischen Werte. Gleichzeitig wird im Namen von Freiheit und Demokratie weltweit gemordet und gefoltert. Viele Staatschefs, die das Banner der Freiheit und der Gerechtigkeit bei \u00f6ffentlichen Anl\u00e4ssen hochhalten, treten diese Werte im Politalltag mit F\u00fc\u00dfen. Neuerdings (Krim-Konflikt) sprechen sie sogar wieder vom V\u00f6lkerrecht. W\u00e4hrend der westlichen Kriege etwa in Jugoslawien, Afghanistan, im Irak und in Libyen fristete es ein Schattendasein.<\/p>\n<p>In den letzten 15 Jahren wurden Hunderttausende in Bosnien, in Afghanistan, im Irak, in Gaza, in Libyen und in Syrien Opfer v\u00f6lkerrechtswidriger Kriege. Auch heute noch werden nur wenige Flugstunden entfernt t\u00e4glich viele Menschen von Kugeln, Granaten, Bomben und Drohnen zerfetzt. Andere verhungern, sterben auf der Flucht oder ertrinken im Mittelmeer. Im Donbass werden unschuldige Menschen Opfer westlicher Expansionspolitik. In Pal\u00e4stina wird Menschen durch ein selbsts\u00fcchtiges Besatzungsregime Land und damit die Zukunft geraubt. Bei all dem sind wir, die Guten, entweder T\u00e4ter oder wir sehen tatenlos zu. Wo bleiben angesichts dieses Unrechts und dieses Elends die Millionenaufm\u00e4rsche in unseren Hauptst\u00e4dten? Wo die Sondersendungen im TV? Und wo die Schweigeminuten im Weltsicherheitsrat?<\/p>\n<p>Nichts dergleichen! Denn die Menschen in Afghanistan und im Irak starben und sterben, so wurde uns versichert, f\u00fcr unsere Freiheit und f\u00fcr unsere Sicherheit und nat\u00fcrlich f\u00fcr die Demokratie (die sie gar nicht wollten). Andere wurden Opfer von barbarischen \u201eVergeltungsaktionen\u201c oder von \u201ehumanit\u00e4ren Interventionen\u201c. Wieder andere hatten einfach Pech, sie wurden zu Kollateralsch\u00e4den. Wenn in Afghanistan oder in Pakistan Teilnehmer von Hochzeitsgesellschaften oder ganze Schulklassen durch US-Drohnen in St\u00fccke gerissen werden, dann betonen US-Milit\u00e4rsprecher achselzuckend, es habe der Verdacht bestanden, dass sich al-Qaida-Mitglieder unter die Anwesenden gemischt h\u00e4tten. Selbst wenn es so w\u00e4re, ist das ein Freibrief zum Liquidieren?<\/p>\n<p>Wurde in all diesen F\u00e4llen jemals ernsthaft gefragt, ob die Hunderttausende wegen unseres uners\u00e4ttlichen Rohstoffhungers oder wegen amerikanischer Weltmachtphantasien sterben mussten? Hat man den Ungl\u00fccklichen je eine Tr\u00e4ne nachgeweint? Nein! Denn wer au\u00dferhalb der \u201eWelt der Guten\u201c Opfer von Krieg, Terror, Mord und Vertreibung wird, ist nicht der Rede wert. Er bleibt anonym, sein Ableben schafft es nicht \u00fcber unsere Aufmerksamkeitsschwelle. Wer will schon die Folgen eigener Gewalt sehen? Schon gar nicht k\u00f6nnen diese Opfer mit \u00f6ffentlichen Mitleidsbekundungen rechnen. Das unterscheidet sie von Charlie Hebdo.<\/p>\n<p><strong>Falsche Bilder <\/strong><\/p>\n<p>Politik und Medien vermitteln uns seit Jahren den Eindruck, dass wir einer zunehmenden islamistischen Bedrohung ausgesetzt sind. Die Zahlen spr\u00e4chen f\u00fcr sich, sagen sie. Tatsache ist jedoch, dass T\u00e4ter mit christlichem oder j\u00fcdischem Glaubenshintergrund seit Jahrzehnten weltweit ungleich mehr Muslime t\u00f6ten als Christen und Juden durch muslimische Gewaltt\u00e4ter umkommen. Im ersteren Fall nennen wir das Verteidigung oder gerechter Krieg, im letzteren Fall islamistischen Terrorismus. Denn wir sind die Guten.<\/p>\n<p>Die Meinungsmacher sind zu Heuchlern geworden, nicht alle, aber viele der M\u00e4chtigen. Ihre Richtschnur ist die Doppelmoral. Unter ihrer Anleitung haben wir uns heillos verrannt. Denn auch falsche Bilder sind wirkm\u00e4chtig. Entscheidend ist n\u00e4mlich nicht, was ist, sondern woran man glaubt.<\/p>\n<p><strong>Die Doppelmoral der Guten <\/strong><\/p>\n<p>Wenn wir eine bessere Welt anstreben, dann m\u00fcssen wir aufh\u00f6ren, mit zweierlei Ma\u00df zu messen. Doppelmoral ist der N\u00e4hrboden des Terrorismus.<\/p>\n<ul>\n<li>Es ist doppelb\u00f6dig, wenn wir Anschlagsopfer muslimischer T\u00e4ter im Herzen des europ\u00e4ischen Kontinents \u00f6ffentlich betrauern, die Millionen Opfer westlicher Weltordnungskriege aber als unvermeidlich hinnehmen.<\/li>\n<li>Es ist doppelb\u00f6dig, wenn nach Verbrechen muslimischer T\u00e4ter reflexartig an die muslimischen Verb\u00e4nde appelliert wird \u201eDistanziert euch, andernfalls werdet ihr in Mithaft genommen!\u201c. Gab es entsprechende Distanzierungsaufrufe an christliche Gemeinden bei Bekanntwerden der NSU-Morde an Immigranten?<\/li>\n<li>Es ist doppelb\u00f6dig, wenn wir arabische Diktaturen, die weitab von unserem Menschenrechtsverst\u00e4ndnis leben, mit modernsten Waffen beliefern, obwohl wir wissen, dass mit ihnen dschihadistische Organisationen ausger\u00fcstet werden, die unsere Werte brutal bek\u00e4mpfen. Dass wir daf\u00fcr \u00d6l und blutverschmiertes Geld bekommen, macht den Deal nicht besser.<\/li>\n<li>Es ist doppelb\u00f6dig, wenn wir den das V\u00f6lkerrecht verachtenden Staat Israel mit atomar ausr\u00fcstbaren U-Booten beschenken und bei seinen Rechtsbr\u00fcchen wegschauen. Schwerste eigene Schuld aus dunklen Zeiten kann dieses Verhalten nicht rechtfertigen.<\/li>\n<li>Es ist doppelb\u00f6dig, wenn wir den USA bei v\u00f6lkerrechtswidrigen Kriegen Beistand gew\u00e4hren. Es ist unverantwortlich, weil wir um die Gr\u00e4uel von Abu Ghraib, Guantanamo und sonstiger Foltergef\u00e4ngnisse sowie um die garantierte Straflosigkeit der politisch Verantwortlichen wissen.<\/li>\n<li>Es ist doppelb\u00f6dig, wenn wir den grauenvollen Massenmord des christlich-fundamentalistischen Psychopathen Anders Breivik, der Europa vor dem Islam sch\u00fctzen wollte, anders bewerten als Gewaltakte muslimischer Terroristen. Damals gab es n\u00e4mlich trotz der 77 Mordopfer keinen internationalen Trauermarsch vergleichbar dem von Paris. Was w\u00e4re aber gewesen, wenn kein Norweger, sondern ein Araber den Massenmord begangen h\u00e4tte? Die Hysterie w\u00e4re vermutlich grenzenlos gewesen.<\/li>\n<li>Und ja, es ist auch doppelb\u00f6dig, wenn wir terroristische Attent\u00e4ter stereotyp als feige und hinterh\u00e4ltig bezeichnen. Ist es etwa mutiger, wenn ein Todesvollstrecker im sicheren Befehlsstand auf einen Knopf dr\u00fcckt, um einen in gro\u00dfer Entfernung vermuteten Gotteskrieger mittels Drohne zu ermorden? Im \u00dcbrigen ist das, was bei uns als feige und hinterh\u00e4ltig eingestuft wird, die Folge davon, dass die terroristischen Einzelt\u00e4ter weder \u00fcber Drohnen noch \u00fcber Jagdflugzeuge und Kampfpanzer verf\u00fcgen. Es ist zu vermuten, dass sie ihre zur Selbstvernichtung f\u00fchrenden Sprengstoffg\u00fcrtel gern gegen modernes Kriegsger\u00e4t austauschen w\u00fcrden. Auch Sprache ist kennzeichnend f\u00fcr Doppelmoral.<\/li>\n<\/ul>\n<div id=\"attachment_54708\" style=\"width: 410px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/www.transcend.org\/tms\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/Breivik.jpg\" ><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-54708\" class=\"wp-image-54708\" src=\"https:\/\/www.transcend.org\/tms\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/Breivik.jpg\" alt=\"Anders Breivik nach dem Mordanschlag 2011 NRhZ-Archiv\" width=\"400\" height=\"267\" srcset=\"https:\/\/www.transcend.org\/tms\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/Breivik.jpg 600w, https:\/\/www.transcend.org\/tms\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/Breivik-300x200.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 400px) 100vw, 400px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-54708\" class=\"wp-caption-text\">Anders Breivik nach dem Mordanschlag 2011<br \/> NRhZ-Archiv<\/p><\/div>\n<p><strong>Was tun? <\/strong><\/p>\n<p>Die Politik und ihre Spiegelung in den Medien m\u00fcssen ehrlicher werden. Es ist n\u00e4mlich perspektivisch von zweifelhaftem Nutzen, die Toten von Charlie Hebdo f\u00fcr taktische Vorteile zu instrumentalisieren. Das l\u00f6st die Probleme im Nebeneinander von islamischer und westlicher Welt nicht.<\/p>\n<p>Erinnern wir uns! In den ersten Jahrzehnten nach dem 2. Weltkrieg f\u00fchlte niemand eine islamistische Bedrohung. Die Menschen im Westen waren mit der gesch\u00fcrten Angst vor den Russen und dem Kommunismus voll ausgelastet. Als die Sowjetunion und der Warschauer Pakt zerbrochen waren, wurde unser Bewusstsein auf neue Gefahren eingestimmt (Islamismus, Dschihadismus, Salafismus, Gotteskrieger). B\u00fcndnisse wie die NATO brauchen zur eigenen Legitimation ein Bedrohungsszenario. Vor diesem Hintergrund lohnt es sich, \u00fcber m\u00f6gliche Beweggr\u00fcnde der Charlie-M\u00f6rder nachzudenken. Wenn es tats\u00e4chlich die Kouachi-Br\u00fcder gewesen sind, kann man sie leider nicht mehr befragen. Denn sie wurden erschossen. Wir k\u00f6nnen nur noch mutma\u00dfen.<\/p>\n<p>Der Koran enth\u00e4lt andere Glaubensanweisungen als die Bibel der Christen. Doch allein deswegen werfen junge M\u00e4nner nicht ihr Leben weg. Andernfalls h\u00e4tte es das Ph\u00e4nomen des islamistischen Terrorismus auch fr\u00fcher geben m\u00fcssen. Das legt nahe, dass zum Glauben andere Tatmotive hinzukommen m\u00fcssen: Kr\u00e4nkungen, Erniedrigungen, Entrechtung, Ausgrenzung, Ausbeutung, Zerst\u00f6rung von Lebensgrundlagen, Armut, Hoffnungslosigkeit. Raum f\u00fcr solche Motive gibt es im Umgang mit der arabischen Welt gen\u00fcgend. Fehlende Sensibilit\u00e4t hierf\u00fcr r\u00e4cht sich. Sie gebiert n\u00e4mlich das, was uns sp\u00e4ter in Form des sogenannten Terrorismus entgegentritt. Wenn es dem Westen wirklich um Befriedung und nicht um Dominanz geht, dann muss er seine Politik von Grund auf \u00fcberdenken. Au\u00dferdem muss er mit den L\u00e4ndern des Nahen Ostens und mit dem Islam \u00fcber die genannten Zusammenh\u00e4nge sprechen &#8211; und zwar aufmerksam und auf Augenh\u00f6he. Unsere Staatsf\u00fchrer m\u00fcssen \u00fcber Substanzielles reden und nicht nur \u00fcberlegen, wie man Terroristen wie l\u00e4stiges Ungeziefer vernichten kann. Nur ehrlicher Dialog f\u00fchrt zu Verstehen und geistiger Abr\u00fcstung. Das geht nicht ohne Respekt f\u00fcr andere Sichtweisen. Im Bereich der Religion sollte das unschwer m\u00f6glich sein, hier gibt es kein falsch oder richtig, sondern nur glauben oder nicht glauben. Das ist die Spielwiese der Toleranz. Doch auch im diesseitigen Leben muss allm\u00e4hlich die Einsicht reifen, dass unsere westlichen Vorstellungen nicht schlechthin f\u00fcr andere Kulturen ma\u00dfstabbildend sind. Wir k\u00f6nnen unsere Lebensformen anbieten, sie erkl\u00e4ren und f\u00fcr sie werben. Aber herbeibomben l\u00e4sst sich Akzeptanz nicht.<\/p>\n<p><strong>Fehlende Strategie <\/strong><\/p>\n<p>Selbst wenn man zugunsten des Westens unterstellen w\u00fcrde, dass es ihm in den letzten Jahrzehnten nicht zuv\u00f6rderst um milit\u00e4rische Vorherrschaft und Ressourcensicherung gegangen ist, kommt man an einer ern\u00fcchternden Feststellung nicht vorbei: Der aufgekl\u00e4rte Westen hat keine tragf\u00e4hige Strategie f\u00fcr den Frieden entwickelt. Reaktion pr\u00e4gt sein Denken. Wo Weltinnenpolitik gefragt w\u00e4re, wird in milit\u00e4rischen Zusammenh\u00e4ngen gedacht.<\/p>\n<p>Die politischen und medialen Schnellsch\u00fcsse nach Charlie Hebdo sind bezeichnend: mehr Polizei, bessere \u00dcberwachung, Informationsaustausch, Vorratsdatenspeicherung, Geheimdienst, Milit\u00e4reinsatz, Hubschrauber, Waffen, Stra\u00dfensperren. Kurzum: Terrorabwehr mit Hardware. Der Chef des Springer-Konzerns, Dr. Mathias D\u00f6pfner, brachte es auf den Punkt. Er machte den Tag der Pariser Attentate zum europ\u00e4ischen 9\/11. Das ist ein Fanal zum neuen war on terror. Die Pariser Morde werden benutzt, um die eigene Bev\u00f6lkerung auf mehr Kampfbereitschaft einzustimmen. Angemahnt wird die Bereitschaft, Freiheit zugunsten von mehr Sicherheit zu opfern. Schon Benjamin Franklin wusste, dass man bei diesem Gesch\u00e4ft am Ende beides verlieren wird.<\/p>\n<p>Im Wortschatz der M\u00e4chtigen fehlen die Worte Ursachen- und Konfliktforschung, Psychologie, Dialog, Respekt, Verst\u00e4ndigung, Ausgleich. Der Mangel an kreativer Phantasie ist bedr\u00fcckend und verspricht nichts Gutes. Nat\u00fcrlich muss verantwortliche Politik f\u00fcr die Sicherheit der Menschen alles tun, was m\u00f6glich ist. Aber das darf nicht bei polizeistaatlichem Denken enden. Friedenspolitik ist auf lange Sicht die einzig erfolgversprechende Option. Solange wir glauben, wir k\u00f6nnten unsere sogenannten westlichen Werte mit Panzern und Drohnen sch\u00fctzen, werden wir keine Ruhe bekommen.<\/p>\n<p>Neben einer Langzeitstrategie ist Mut zur Ehrlichkeit vonn\u00f6ten. Sicherheitspolitiker d\u00fcrfen nicht m\u00fcde werden, den Menschen zu erkl\u00e4ren, dass es einen absoluten Schutz vor durchgeknallten Straft\u00e4tern nicht geben kann \u2013 und zwar auch dann nicht, wenn man bereit ist, wesentliche Teile der pers\u00f6nlichen Freiheit abzugeben. Beil\u00e4ufig muss auch das von konservativen Staatsrechtlern herbeigeschriebene &#8220;Grundrecht auf Sicherheit&#8221; auf der M\u00fcllhalde der hartn\u00e4ckigen Irrt\u00fcmer entsorgt werden. Unser Grundgesetz verb\u00fcrgt ein Grundrecht auf Freiheit, aber nicht auf Sicherheit. Grundrechte sind Abwehrrechte gegen \u00dcbergriffe des Staates. Sie k\u00f6nnen keinen Schutz gegen Verbrechen \u00e0 la Charlie Hebdo gew\u00e4hrleisten. Wirklichen Schutz kann nur gute Politik geben.<\/p>\n<p><strong>Ein Nachwort zum Journalismus <\/strong><\/p>\n<p>Der \u201eQualit\u00e4tsjournalismus\u201c hat (von ein paar Ausnahmen abgesehen) rund um Charlie Hebdo das geleistet, was kritische Beobachter von ihm erwartet haben, n\u00e4mlich nichts. Er hat die Erkl\u00e4rungsmuster und Rezepturen der Politik treulich nachgebetet. Er war unkritisch bis hin zur Servilit\u00e4t. Wo Nachfragen am Platz gewesen w\u00e4re, duckte sich die Journaille bequem ab.<\/p>\n<p>Nur weil zwei Vermummte \u201eAllahu akbar\u201c riefen und einer von ihnen im Fluchtauto seinen Personalausweis vergessen hatte, war f\u00fcr die Polizei die T\u00e4terfrage rasch gekl\u00e4rt. Diese Hochgeschwindigkeitst\u00e4terermittlung erinnert an 9\/11, wo auf den qualmenden Tr\u00fcmmerhaufen der Twin Towers der Ausweis eines Attent\u00e4ters gefunden worden ist. Duplizit\u00e4t der Ereignisse, irgendwie merkw\u00fcrdig, nicht wahr? Kontrollfrage: Wie oft habe ich in den letzten 20 Jahren meinen Ausweis im Auto liegen lassen, vergessen, verloren?<\/p>\n<p>Investigativem Journalismus h\u00e4tte es auch gut angestanden nachzufragen, weshalb die T\u00e4ter beim Verlassen des Hauses, in das sie gefl\u00fcchtet waren, erschossen worden sind. H\u00e4tte man ihrer nicht auch lebendig habhaft werden k\u00f6nnen? Das entspr\u00e4che rechtsstaatlichen Standards und h\u00e4tte Antworten auf viele interessante Fragen erwarten lassen.<\/p>\n<p>Doch solche Feinheiten sind nicht Sache des real existierenden Journalismus. Er schmiegt sich geschmeidig an die herrschenden politischen Zerrbilder. Im Fall Charlie Hebdo sah er seine Aufgabe darin, vorhandene Islamfeindbilder beflissen aufzunehmen und zu verst\u00e4rken sowie der Welt\u00f6ffentlichkeit das Bild von inniger Geschlossenheit zwischen dem Volk und seinen F\u00fchrern zu vermitteln. Man k\u00f6nnte den Eindruck haben, dass manch bekannter Journalistenmime Angst vor den dunklen Abgr\u00fcnden hat, die eigenst\u00e4ndiges Denken sichtbar machen kann.<\/p>\n<p>In Anlehnung an Marx und Engels m\u00f6chte man ihnen allen zurufen: Heuchler aller Schreibstuben, vereinigt euch! Und geht dann gemeinsam in den Ruhestand&#8230;(PK)<\/p>\n<p>_________________________<\/p>\n<p><em>Peter Vonnahme war bis zu seiner Ruhestandsversetzung 2007 Richter am Bayerischen Verwaltungsgerichtshof in M\u00fcnchen. Er ist Mitglied der deutschen Sektion der International Association of Lawyers Against Nuclear Arms. Von 1995 bis 2001 war er zudem Mitglied des Bundesvorstands der Neuen Richtervereinigung. In den letzten Jahren war er publizistisch t\u00e4tig.<\/em><\/p>\n<p><em>Submitted by TRANSCEND Member Benno Fuchs.<\/em><\/p>\n<p><a target=\"_blank\" href=\"http:\/\/www.nrhz.de\/flyer\/beitrag.php?id=21258&amp;css=print\" >Go to Original \u2013 nrhz.de<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Millionen behaupteten am 11. Januar 2015, dass sie Charlie sind (\u201eJe suis Charlie\u201c). Die meisten von ihnen hatten bis zur Nachricht \u00fcber die Ermordung der zehn Journalisten keine Ahnung, dass es eine Satirezeitschrift namens Charlie Hebdo \u00fcberhaupt gibt. Dessen ungeachtet nahmen sie \u00fcber Nacht eine neue Identit\u00e4t an. <\/p>\n","protected":false},"author":4,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[46],"tags":[],"class_list":["post-54704","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-original-languages"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.transcend.org\/tms\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/54704","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.transcend.org\/tms\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.transcend.org\/tms\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.transcend.org\/tms\/wp-json\/wp\/v2\/users\/4"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.transcend.org\/tms\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=54704"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.transcend.org\/tms\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/54704\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.transcend.org\/tms\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=54704"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.transcend.org\/tms\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=54704"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.transcend.org\/tms\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=54704"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}