{"id":56058,"date":"2015-03-30T12:00:32","date_gmt":"2015-03-30T11:00:32","guid":{"rendered":"https:\/\/www.transcend.org\/tms\/?p=56058"},"modified":"2015-05-05T21:25:54","modified_gmt":"2015-05-05T20:25:54","slug":"deutsch-der-friedenswinter-macht-die-friedensbewegung-kaputt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.transcend.org\/tms\/2015\/03\/deutsch-der-friedenswinter-macht-die-friedensbewegung-kaputt\/","title":{"rendered":"(Deutsch) Der \u203aFriedenswinter\u2039 macht die Friedensbewegung kaputt"},"content":{"rendered":"<p>24 M\u00e4rz 2015 &#8211; <em>Gespr\u00e4ch mit Monty Sch\u00e4del. \u00dcber die Schw\u00e4che der antimilitaristischen Kr\u00e4fte in der BRD, organisierte Einflussversuche von rechts und fragw\u00fcrdige B\u00fcndnisse mit den sogenannten Montagsmahnwachen<\/em><\/p>\n<div id=\"attachment_56059\" style=\"width: 710px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/www.transcend.org\/tms\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/serveImage.php_.jpg\" ><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-56059\" class=\"size-full wp-image-56059\" src=\"https:\/\/www.transcend.org\/tms\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/serveImage.php_.jpg\" alt=\"\u00bbFriedenswinter 2014\/2015\u00ab: Demonstration zum Bundespr\u00e4sidialamt (Schloss Bellevue) in Berlin am 13. Dezember. Hinter dem Fronttransparent Diether Dehm, Lars M\u00e4hrholz und Ken Jebsen (v.l.n.r.) Foto: Frank Kopperschlaeger\" width=\"700\" height=\"410\" srcset=\"https:\/\/www.transcend.org\/tms\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/serveImage.php_.jpg 700w, https:\/\/www.transcend.org\/tms\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/serveImage.php_-300x176.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 700px) 100vw, 700px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-56059\" class=\"wp-caption-text\">\u00bbFriedenswinter 2014\/2015\u00ab: Demonstration zum Bundespr\u00e4sidialamt (Schloss Bellevue) in Berlin am 13. Dezember. Hinter dem Fronttransparent Diether Dehm, Lars M\u00e4hrholz und Ken Jebsen (v.l.n.r.)<br \/>Foto: Frank Kopperschlaeger<\/p><\/div>\n<p><em>Monty Sch\u00e4del ist seit dem Anschluss der DDR an die Bundesrepublik in verschiedensten Bereichen der Antifa, Friedens-, Fl\u00fcchtlings und Sozialpolitik aktiv. Seit 2007 als politischer Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer der Deutschen Friedensgesellschaft-Vereinigte KriegsdienstgegnerInnen (DFG-VK) besch\u00e4ftigt, verurteilt als Kriegsdienst(total)verweigerer nach mehrw\u00f6chigem Hungerstreik im Arrest der Bundeswehr 1997; von 1998 bis 2002 parteiloser Abgeordneter der PDS-Fraktion im Landtag Mecklenburg-Vorpommern; Rostocker Koordinator im B\u00fcndnis gegen den G-8-Gipfel 2007 in Heilgendamm; Mitorganisator des Protests gegen den NATO-Gipfel 2009 in Baden-Baden\/Strasbourg; mehrere Jahre Kosprecher der Kooperation f\u00fcr den Frieden, Landessprecher der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes \u2013 Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten in Mecklenburg-Vorpommern.<\/em><\/p>\n<p><strong><em>Am vergangenen Wochenende hat in Frankfurt am Main eine Koordinierungskonferenz des \u00bbFriedenswinter\u00ab-B\u00fcndnisses aus Teilen der Friedensbewegung und der sogenannten Montagsmahnwachen stattgefunden, an der Sie teilgenommen haben. Dort sollte es um Strategien gehen, wie die Friedensbewegung auf die Konfrontation zwischen Russland und der NATO und die bedrohliche Sicherheitslage in der Welt reagieren kann. Was hat die Diskussion ergeben?<\/em><\/strong><\/p>\n<p><em>Gemeinsam mit unterschiedlichen Gruppen aus der Friedensbewegung sollte eine Bilanz gezogen werden: Was haben wir in den vergangenen Monaten erreicht, wie arbeiten wir in Zukunft zusammen, was muss die Friedensbewegung in der BRD tun? Nat\u00fcrlich betrifft dies die Auseinandersetzung um die Ukraine, aber auch um Kriegsherde in anderen Teilen der Welt. Wie reagieren wir auf die Bundeswehr im Inneren, auf die \u00bbWeiterentwicklung\u00ab der NATO? Weiter nach Osten, immer weiter in Konfrontationssituationen? Am Ende ging es aber vor allem um den Versuch einer Analyse des \u00bbFriedenswinters\u00ab selbst. Da gab es sehr unterschiedliche Positionierungen. Die Gruppe Pax Christi hat in der Auswertung gesagt, die Auseinandersetzung mit Gruppen, die neu zur Friedensbewegung gekommen sind, habe die Friedensbewegung als solche blockiert. Diese Einsch\u00e4tzung teile ich. Wir sollten uns in Zukunft wieder auf unsere bew\u00e4hrten Strukturen st\u00fctzen und den \u00bbFriedenswinter\u00ab beenden. Das sehe ich ganz genau so! Andere haben die Veranstaltungen, die im Rahmen des \u00bbFriedenswinters\u00ab stattgefunden haben, gelobt. Zum Beispiel wurden die seit Jahren stattfindenden Proteste gegen die M\u00fcnchner \u00bbSicherheitskonferenz\u00ab aufgef\u00fchrt \u2013 die es allerdings auch lange vor dem B\u00fcndnis schon gab. Als Erfolg wurde auch der 13.\u00a0Dezember gewertet, an dem man in Berlin und bundesweit an verschiedenen Orten Proteste auf die Stra\u00dfe gebracht hat. Au\u00dfer in Berlin konnten allerdings kum gr\u00f6\u00dfere Menschenmassen angesprochen werden. Die mit dem \u00bbFriedenswinter\u00ab erwartete Verbreiterung der Friedensbewegung wurde nicht erreicht.<\/em><\/p>\n<p><em>F\u00fcr mich ist im Ergebnis dieser Beratung deutlich geworden: Wir m\u00fcssen uns auf unsere eigenen Strukturen st\u00fctzen. Wenn andere, n\u00e4mlich die Mahnwachen, eine Struktur brauchen, sollen sie sich die selber geben.<\/em><\/p>\n<p><strong><em>Die traditionellen Osterm\u00e4rsche im vergangenen Jahr zogen nicht so viele Menschen an, die sogenannten Montagsmahnwachen, die im M\u00e4rz 2014 entstanden, konnten mehr Menschen mobilisieren. Die traditionelle Friedensbewegung hat sich \u00fcber den Krieg in der Ukraine in Schweigen geh\u00fcllt oder in \u00c4quidistanz ge\u00fcbt. Ist dieses Versagen Gegenstand von Debatten gewesen?<\/em><\/strong><\/p>\n<p><em>Dieses Versagen ist schon lange vorher diskutiert worden, nicht bei dieser Konferenz. Die so entstandene Leerstelle wurde vom Mahnwachenspektrum besetzt. Der \u00bbFriedenswinter\u00ab ist im Oktober letzten Jahres entstanden, als Vertreter aus der Friedensbewegung dazu aufgerufen hatten, endlich in Bewegung zu kommen. Auch, um darauf zu reagieren, dass die Mahnwachen etliche Menschen mobilisierten, unter der Decke des Friedensengagements aber auch merkw\u00fcrdigste andere, z.\u2009T. rassistische Positionen verbreitet worden sind. Um es ganz deutlich zu sagen: Wir haben auf die Eskalation in der Ukraine nicht reagiert, wir haben in dieser Situation als Friedensbewegung in der Bundesrepublik versagt. Wir haben einfach keine Leute mobilisieren k\u00f6nnen, das haben andere f\u00fcr sich genutzt. Um dem Rechnung zu tragen, wollten wir im Oktober mit einigen, die bei den Mahnwachen beteiligt waren, schauen, was man gemeinsam machen kann.<\/em><\/p>\n<p><strong><em>Nun gibt es an den Montagsmahnwachen schon sehr viel l\u00e4nger Kritik, auch schon vor dem Oktober letzten Jahres. Sie haben im Interview mit der jW im Dezember gesagt, dass es in der Mahnwachenbewegung zu Abgrenzungen gegen\u00fcber Rassismus, Faschismus und Menschenfeindlichkeit gekommen sei. Sie wollten damals nicht von einer Spaltung sprechen. Welche Bilanz ziehen Sie nun?<\/em><\/strong><\/p>\n<p><em>Die Einsch\u00e4tzung von damals muss ich revidieren. Meine Beobachtung ist, dass es von den Mahnwachen zwar viele Erkl\u00e4rungen gab, die sich von rechts distanzierten oder zum Antifaschismus und Humanismus bekannten. Diese Erkl\u00e4rungen wollte auch ich beim Wort nehmen. Es hatten sich verschiedene Mahnwachenaktivisten mit Personen der Friedensbewegung, die ich seit Jahren und Jahrzehnten kenne, zusammengetan, sie haben miteinander geredet, Positionen angeglichen. Das deckte sich mit meinen Ansichten nicht in allen Punkten, aber in den allermeisten.<\/em><\/p>\n<p><em>In der Realit\u00e4t, vor allem in den vergangenen Wochen, sehe ich aber, dass bei Mahnwachenveranstaltungen Leute aufgetreten sind, die auch in anderen Zusammenh\u00e4ngen eine Rolle spielen, zum Beispiel bei \u00bbEndgame\u00ab, den neurechten \u00bbEngagierten Demokraten gegen die Amerikanisierung Europas\u00ab. Es gab eine klare Distanzierung von bestimmten Personen aus dem rechten Spektrum, und trotzdem agieren Mahnwachenvertreter, die auch f\u00fcr den \u00bbFriedenswinter\u00ab sprechen wollen, also mit mir und uns als DFG-VK in einem B\u00fcndnis sind, mit solchen Personen auf Demonstrationen.<\/em><\/p>\n<p><strong><em>Am 28. Februar hat in Berlin auf einer Demonstration, die aus dem Umfeld der rechten Zeitschrift Compact organisiert wurde, eine Protagonistin der Hamburger Montagsmahnwachen gesprochen. Die Abgrenzung gegen\u00fcber dem rechten Magazin und seinem Herausgeber J\u00fcrgen Els\u00e4sser war stets als eine der gemeinsamen Grundlagen benannt worden. Reiner Braun, Sprecher der Kooperation f\u00fcr den Frieden, hat am Mittwoch im Interview mit jW erkl\u00e4rt, dass eine klare Grenze zu eindeutig nach rechts offenen Initiativen wie \u00bbEndgame\u00ab gezogen werden muss. Kann man davon ausgehen, dass das eingehalten wird?<\/em><\/strong><\/p>\n<p><em>Das ist eine Differenz, die ich mit Reiner Braun habe. Meine Erfahrung ist, dass diese Zusagen nicht eingehalten werden. Mahnwachenvertreter, die gemeinsam mit Els\u00e4sser auftreten, haben f\u00fcr mich diese Grenze \u00fcberschritten. Das ist meine pers\u00f6nliche Einsch\u00e4tzung, von der ich wei\u00df, dass das viele in meinem Verband genau so sehen. Das geht nicht. Da hilft es nicht, irgendwo ein Grundlagenpapier abzugeben. Wenn es einen klaren Beschluss gibt, dass es nach rechts keine Offenheit und mit bestimmten Personen keine gemeinsamen Auftritte gibt, muss das eingehalten werden. Oder das B\u00fcndnis als solches muss beendet werden.<\/em><\/p>\n<p><strong><em>Sehen Sie den Versuch einer organisierten Beeinflussung?<\/em><\/strong><\/p>\n<p><em>Organisierte Einflussnahme habe ich am vergangenen Wochenende in Frankfurt am Main erlebt. Eine Arbeitsgruppe der besagten Mahnwachenvertreterin aus Hamburg, die bei Els\u00e4sser auf der Demo geredet hat, ist deshalb abgesagt worden. Ich will nicht mit jemandem unter einem Aufruf stehen oder bei einer Veranstaltung angek\u00fcndigt werden, der mit diesen Kr\u00e4ften zusammenarbeitet. Dies war ein Versto\u00df gegen gemeinsam gefasste Beschl\u00fcsse. Auf der Konferenz in Frankfurt ist dann der Antrag gestellt worden, diese Arbeitsgruppe doch wieder einzurichten. Da ist massiv Druck ausge\u00fcbt worden. Eine Mehrheit hat schlie\u00dflich daf\u00fcr gestimmt. Die Moderation hat es sich dann leicht gemacht und behauptet, es sei gar keine Mehrheit zustande gekommen. Schlie\u00dflich wurde eine zweite Abstimmung organisiert; nach meiner Beobachtung haben dann noch mehr Teilnehmer daf\u00fcr gestimmt. Das war ein organisiertes Auftreten. Die Moderation hatte daraufhin wieder behauptet, keine Mehrheit erkennen zu k\u00f6nnen. Schlie\u00dflich wurde darauf bestanden, die Stimmen auszuz\u00e4hlen. Dazu kam es nicht; denn derjenige, der den Antrag gestellt hat, zog ihn selbst zur\u00fcck.<\/em><\/p>\n<p><strong>Haben Sie eine Vermutung, warum das nicht durchgezogen wurde, wenn es sich doch um organisiertes Vorgehen gehandelt haben soll?<\/strong><\/p>\n<p>Es h\u00e4tte f\u00fcr den Eklat gesorgt, wenn die Aktionskonferenz \u00bbFriedenswinter\u00ab den Namen einer Frau auf die Tagesordnung setzt, die vorher wegen Auftritten mit Els\u00e4sser gestrichen worden war. Das h\u00e4tte zum Bruch gef\u00fchrt. Es h\u00e4tte auch diejenigen, die den \u00bbFriedenswinter\u00ab organisiert haben, in Erkl\u00e4rungsn\u00f6te gebracht.<\/p>\n<p>F\u00fcr mich bestand der Eklat allerdings bereits darin, dass dieser Antrag \u00fcberhaupt gestellt wurde, und das, nach meiner Sicht, eine Mehrheit daf\u00fcr gestimmt hat. Das ist f\u00fcr mich der letzte Beleg, dass bestimmte Kr\u00e4fte die Friedensbewegung f\u00fcr sich nutzen wollen, um dort Politik in ihrem Sinne zu machen. Dabei st\u00f6re ich mit meiner verk\u00fcndeten Ablehnung des \u00bbFriedenswinters\u00ab wohl. Anders kann ich mir die Angriffe gegen mich in den letzten Tagen nicht erkl\u00e4ren.<\/p>\n<p><strong>Sie spielen auf Ken Jebsen an. Auf einer Berliner Montagsmahnwache am 16. M\u00e4rz hat Sie der ehemalige Radiomoderator massiv angegriffen, als \u00bbFeind in diesem Land\u00ab bezeichnet (<em>junge Welt <\/em>hat Jebsens Rede in Ausz\u00fcgen am 18. M\u00e4rz dokumentiert). Was bezweckt er damit?<\/strong><\/p>\n<p>Auch wenn er meint, mich in seine Feindesliste einf\u00fchren zu m\u00fcssen: Ich kann ihn bis heute nicht wirklich einsch\u00e4tzen. Seine Interviewpartner sind von weit rechts bis weit links zusammengesucht, er teilt offensichtlich von weit links bis weit rechts alle Positionen. Das ist eine Beliebigkeit, die ich nicht teile und die ich in der Friedensbewegung, wie ich sie kenne, bislang noch nicht erlebt habe.<\/p>\n<p><strong>Auch von J\u00fcrgen Els\u00e4sser, seinem langj\u00e4hrigen Kooperationspartner, wollte sich Jebsen nicht distanzieren. Nichtsdestotrotz waren es Politiker aus der Linkspartei, zum Beispiel Diether Dehm und Wolfgang Gehrcke, die ihn erst durch gemeinsame Auftritte salonf\u00e4hig gemacht haben. Wie erkl\u00e4ren Sie sich das? Ist Ken Jebsen jemand, mit dem man zusammenarbeiten kann?<\/strong><\/p>\n<p>Zusammenarbeit mit Ken Jebsen geht f\u00fcr mich pers\u00f6nlich \u00fcberhaupt nicht. Andere best\u00e4tigen mich darin, wenn sie sagen: Wer jemanden aus unseren Reihen als \u00bbFeind\u00ab bezeichnet, der disqualifiziert sich als B\u00fcndnispartner. Man kann unterschiedliche Positionen haben, man kann auch v\u00f6llig kontr\u00e4re Ideen haben, das ist alles kein Problem. Doch erstens sollte es nicht ins Pers\u00f6nliche gehen, und zweitens ist die T\u00fcr nach rechts zu. Das waren immer die Positionen der Friedensbewegung.<\/p>\n<p><strong>Nun ist die Linkspartei alles andere als homogen, es gibt auch einen Reformerfl\u00fcgel. Die Mainstream-presse, aber auch der an Regierungsbeteiligung interessierte Fl\u00fcgel der Linkspartei, r\u00fcckt Friedensakti-visten seit dem ersten Auftreten der Montagsmahnwachen in die N\u00e4he von Verschw\u00f6rungstheoretikern, Rechten und Spinnern. Hat im Zuge des \u00bbFriedenswinters\u00ab der Friedensgedanke selbst Schaden genommen?<\/strong><\/p>\n<p>Diesen Vorwurf einer angeblichen N\u00e4he zu rechts formulieren gerade diejenigen aus der Linkspartei, die die antimilitaristische Bewegung vor allem innerhalb der eigenen Partei daf\u00fcr abwatschen wollen, dass sie konsequent gegen Bundeswehreins\u00e4tze einsteht. Die Linke muss deutlich dabei bleiben, dass es keine Auslandseins\u00e4tze geben darf, dass die Bundeswehr abgeschafft, mindestens aber reduziert wird, so wie es auch ihr Parteiprogramm verlangt. Dass gerade die, die innerhalb der Partei gegen diese Forderungen angehen, sich zum Wortf\u00fchrer einer gro\u00dfen Friedensbewegung machen, ist schon sehr merkw\u00fcrdig. Dahinter vermute ich die Strategie, innerhalb der Partei diejenigen zu diskreditieren, die den Antikriegskurs fortsetzen wollen. Diese strategische Frage innerhalb der Linkspartei sollte sie auch dort l\u00f6sen und nicht die Friedensbewegung dazu benutzen. Doch die Friedensbewegung hat sich leider nicht nur selbst blockiert, sie hat mit dem \u00bbFriedenswinter\u00ab auch Menschen, die seit Jahren aktiv waren, verloren.<\/p>\n<p><strong>Meinen Sie damit, dass Debatten innerhalb der Friedensbewegung blockiert wurden, weil Themen eingebracht wurden, die mit den eigentlichen Anliegen nichts zu tun hatten?<\/strong><\/p>\n<p>Genau, wir mussten uns in den vergangenen Wochen und Monaten dar\u00fcber auseinandersetzen, was Faschismus ist, was rechts bedeutet, ob es rechts und links \u00fcberhaupt noch gibt. Der \u00bbFriedenswinter\u00ab macht so die Friedensbewegung kaputt.<\/p>\n<p><strong>F: Gab es in dieser Debatte wenigstens Ergebnisse?<\/strong><\/p>\n<p>Fr\u00fcher war das v\u00f6llig klar: Die T\u00fcr nach rechts ist zu, der Schl\u00fcssel ist verbuddelt, eingeschmolzen \u2013 durch diese T\u00fcr geht es nicht. Jetzt werden uns auf einmal alle m\u00f6glichen Diskussionen dazu aufgezwungen. Viele, die diese Debatten nicht f\u00fchren wollen, die in erster Linie Friedensarbeit machen m\u00f6chten, sind gegangen. Viele sind nur noch lokal in ihren Wohnorten aktiv, der \u00bbFriedenswinter\u00ab interessiert sie nicht. Da haben sich ganz viele Leute verabschiedet. Diese Diskussionen sind einer Friedensbewegung unw\u00fcrdig.<\/p>\n<p><strong>Nachgefragt: Wenn jetzt neue Leute, die bislang nicht Teil von politischen Zusammenh\u00e4ngen waren, dazusto\u00dfen, m\u00fcssen dann solche Debatten nicht immer wieder neu gef\u00fchrt werden?<\/strong><\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich m\u00fcssen mit neuen aktiven Menschen, die sich in der Friedensbewegung engagieren wollen, immer wieder Diskussionen gef\u00fchrt werden. Zum Beispiel zur Frage der Gewaltfreiheit. Dass es jedoch keine Zusammenarbeit mit rechten Kr\u00e4ften gibt, war immer Konsens; selbst f\u00fcr neue Teilnehmer: Mit Nationalisten k\u00f6nnen wir nicht zusammengehen, die produzieren schlie\u00dflich Kriege. Auf einmal stellen sich etliche Leute die Frage, ob man nicht vielleicht auch mal nach rechts blicken solle? Man k\u00f6nne ja als Friedensbewegung nicht nur links sein? Die Friedensbewegung war tats\u00e4chlich nie ein linker homogener Block, ragte weit in die b\u00fcrgerliche Mitte und auch bis in den konservativen Bereich hinein \u2013 gar keine Frage. Aber zur organisierten Rechten gab es immer eine Abgrenzung, und jetzt kommen Kr\u00e4fte, die sagen, diese T\u00fcr m\u00fcsse ge\u00f6ffnet werden. Die Diskussion ist ganz massiv in die Friedensbewegung hineingetragen worden. So wurde sie blockiert, lahmgelegt. Damit muss umgehend Schluss sein. Die T\u00fcr nach rechts ist zu!<\/p>\n<p><strong>Mit der AfD formiert sich gerade eine neue rechtsb\u00fcrgerliche Partei, gleichzeitig gibt es breite Mobilisierung im b\u00fcrgerlichen Lager, \u00bbPegida\u00ab, \u00bbMarsch der 1.000 Kreuze\u00ab, und so weiter. Soll von dort auch in die Friedensbewegung hineingewirkt werden? <\/strong><\/p>\n<p>Genau. Das ist eines meiner Erlebnisse, das mich in den letzten Monaten schockiert hat. Bei einer Demonstration vom \u00bbMvgida\u00ab, dem \u00f6rtlichen \u00bbPegida\u00ab-Ableger in Stralsund, wurden \u00fcber zwei Stunden lang Forderungen aus der Friedensbewegung vorgetragen. Doch Neonazis haben andere Ziele. Denen geht es nicht um Frieden, selbst wenn sie davon reden, selbst, wenn sie sich von \u00bbrechts\u00ab distanzieren. Nationalisten sind nun mal rechts. Daran gibt es nichts zu r\u00fctteln. Das sind auch mit Friedensforderungen keine Partner f\u00fcr die Friedensbewegung.<\/p>\n<p><strong>Ist es dem \u00bbFriedenswinter\u00ab denn gelungen, eines seiner wichtigsten Ziele zu erreichen und eine Reihe von Orientierungslosen f\u00fcr die Sache der Friedensbewegung, klassisch oder nicht, zu gewinnen?<\/strong><\/p>\n<p>Ich denke nicht, dass wir wirklich Leute dazugewonnen haben. Das wird an den Demonstrationen deutlich, die nicht viel gr\u00f6\u00dfer gewesen sind als fr\u00fcher. Gegen die M\u00fcnchner \u00bbSicherheitskonferenz\u00ab h\u00e4tten viel mehr Menschen mobilisiert werden m\u00fcssen, aber auch dort ist der Protest nicht wesentlich gewachsen, das ist an vielen anderen Stellen ebenso zu beobachten. Ich gehe auch nicht davon aus, dass wir beim Ostermarsch in diesem Jahr deutlich mehr Teilnehmer haben werden, obwohl doch die Bedrohung durch Krieg nicht viel gr\u00f6\u00dfer sein k\u00f6nnte. Aber ich erlebe, dass bei den Vorbereitungen viele Diskussionen stattfinden, die uns blockieren, weil wir uns mit irgendwelchen anderen Sachen besch\u00e4ftigen m\u00fcssen. Wir m\u00fcssen uns st\u00e4ndig gegen alles m\u00f6gliche, gegen Pegida und Endgame, gegen Els\u00e4sser und andere Rechte abgrenzen, das blockiert uns in unserer Arbeit.<\/p>\n<p><strong>Und das in einer Phase, wo die Kriegsgefahr w\u00e4chst\u00a0\u2026<\/strong><\/p>\n<p>Richtig. Reiner Braun hat in seinem Interview in der<em> jW<\/em> vom 18. M\u00e4rz gesagt, manche h\u00e4tten wohl nicht begriffen, vor welche Herausforderungen uns die Kriegsgefahr zwischen der NATO und Russland stellt. Das nehme ich als Vorwurf auch mir gegen\u00fcber wahr. Das finde ich anma\u00dfend. Wir m\u00fcssen nat\u00fcrlich mehr Leute auf die Stra\u00dfe bringen, denn die Situation wird schlie\u00dflich immer bedrohlicher. Aber selbst wenn vom \u00bbFriedenswinter\u00ab und den Mahnwachen behauptet wird, dass wir mit der Forderung nach klarer Distanz zu rechts die Bewegung spalten w\u00fcrden: Ohne deutliche Abgrenzung nach rechts geht Friedensbewegung nicht!<\/p>\n<p><strong>Das hei\u00dft, ohne organisatorische Eigenst\u00e4ndigkeit, ohne eine auf eigenen Beinen stehende Friedensbewegung kann das nicht funktionieren?<\/strong><\/p>\n<p>Die Friedensbewegung kann das besser ohne \u00bbFriedenswinter\u00ab. Die Mahnwachen bleiben suspekt. Nat\u00fcrlich muss die antimilitaristische Bewegung ihre Mechanismen zur Gewinnung von Menschen \u00fcberpr\u00fcfen. Das funktioniert nicht mehr wie vor 30 Jahren. Aber das darf nicht dazu f\u00fchren, dass wir uns nach rechts so weit \u00f6ffnen, dass Rassisten sich einreihen, dass nur noch Beliebigkeit \u00fcbrigbleibt. Grunds\u00e4tzlich: Krieg ist ein Verbrechen an der Menschheit. Dieses zu verhindern, geht nur ohne Nationalisten, das geht nur gegen Neonazis.<\/p>\n<p>____________________________<\/p>\n<p><em>Submitted by TRANSCEND member Benno Fuchs.<\/em><\/p>\n<p><a target=\"_blank\" href=\"http:\/\/www.jungewelt.de\/2015\/03-21\/005.php\" >Go to Original \u2013 jungewelt.de<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>24 M\u00e4rz 2015 &#8211; Gespr\u00e4ch mit Monty Sch\u00e4del. \u00dcber die Schw\u00e4che der antimilitaristischen Kr\u00e4fte in der BRD, organisierte Einflussversuche von rechts und fragw\u00fcrdige B\u00fcndnisse mit den sogenannten Montagsmahnwachen<\/p>\n","protected":false},"author":4,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[46],"tags":[],"class_list":["post-56058","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-original-languages"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.transcend.org\/tms\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/56058","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.transcend.org\/tms\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.transcend.org\/tms\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.transcend.org\/tms\/wp-json\/wp\/v2\/users\/4"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.transcend.org\/tms\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=56058"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.transcend.org\/tms\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/56058\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.transcend.org\/tms\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=56058"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.transcend.org\/tms\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=56058"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.transcend.org\/tms\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=56058"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}