{"id":63050,"date":"2015-08-31T12:00:57","date_gmt":"2015-08-31T11:00:57","guid":{"rendered":"https:\/\/www.transcend.org\/tms\/?p=63050"},"modified":"2015-08-30T02:36:25","modified_gmt":"2015-08-30T01:36:25","slug":"deutsch-flucht-und-ihre-ursachen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.transcend.org\/tms\/2015\/08\/deutsch-flucht-und-ihre-ursachen\/","title":{"rendered":"(Deutsch) Flucht und ihre Ursachen"},"content":{"rendered":"<p>22. August 2015 &#8211; <em> 2014 waren fast 60 Millionen Menschen auf der Flucht und 2015 wird diese Zahl wohl weiterhin steigen, wobei die meisten Menschen vor gewaltsamen Konflikten und Verfolgung flohen und fliehen. Obwohl das politische Ziel der Fluchtursachenbek\u00e4mpfung von der deutschen Regierung immer wieder betont wird, bleiben eben diese Parallelen zwischen Konflikt und Flucht vernachl\u00e4ssigt. Seit Jahren. Mit fatalen Folgen.<\/em><\/p>\n<p>In dem aktuellen Global Trends Report betont UNHCR den weltweiten verheerenden Anstieg von Fluchtbewegungen innerhalb von L\u00e4ndern sowie \u00fcber Landesgrenzen hinweg. Laut UNHCR gab es Ende 2014 38,2 Millionen Binnenvertriebene, 19,5 Millionen Fl\u00fcchtlinge und 1,8 Millionen Asylsuchende. Das sind knapp 60 Millionen Menschen, ein Anstieg gegen\u00fcber 2006 um knapp 60 Prozent.<\/p>\n<p>Die meisten Personen flohen vor gewaltsamen Konflikten und Verfolgung; t\u00e4glich durchschnittlich ca. 42.500 Menschen.<\/p>\n<p><strong>Konflikte als haupts\u00e4chliche Fluchtursache<\/strong><\/p>\n<p>Als Friedens- und KonfliktforscherInnen f\u00e4llt uns auf der Suche nach den Ursachen der scheinbar pl\u00f6tzlichen Fluchtwelle eine fatale Parallele ins Auge. Unter den st\u00e4rksten Herkunftsl\u00e4ndern der aktuellen Fluchtbewegung befinden sich Syrien, Afghanistan, Somalia, Sudan, S\u00fcd-Sudan, Demokratische Republik Kongo, Irak. Auch aus Libyen und dem Kosovo flohen viele Menschen. In all diesen L\u00e4ndern bestanden oder bestehen jahrelange gewaltsame Konflikte.<\/p>\n<p>In Syrien hat die Bundesrepublik und haben einige NGOs (z.B. \u00bbadopt a revolution\u00ab) f\u00fcr eine Versch\u00e4rfung des Konfliktes gesorgt, unter anderem wurde dazu aufgerufen Geld f\u00fcr die Bewaffnung der Opposition gegen die syrische Regierung zu spenden. Namhaften Mahnern gegen diese Politik wie beispielsweise den Ex-Mitgliedern des Bundestags Todenh\u00f6fer und Wimmer (CDU) wurde nur unzureichend Geh\u00f6r geschenkt. Auch andere L\u00e4nder wie die USA, Frankreich und Gro\u00dfbritannien beteiligten sich an der Unterst\u00fctzung der Opposition, dies sogar durch Waffenlieferung. Weite Teile Syriens liegen nun in Schutt und Asche. 6.575.699 Menschen sind auf der Flucht &#8211; im Land und \u00fcber Landesgrenzen hinweg.<\/p>\n<p>Deutschlands unr\u00fchmliche Rolle im Afghanistan-Krieg wurde bereits mehrfach thematisiert, diskutiert und kritisiert. Afghanistan ist in einer desastr\u00f6sen Lage, seit Jahren. Im ersten Halbjahr 2015 fanden 5.000 Zivilistinnen und Zivilisten den Tod. Seit 2001 sind es sogar 68.000 Tote. Der Wiederaufbau verl\u00e4uft schleppend und die Gewalt flammt immer wieder auf. 1.226.170 Menschen sind auf der Flucht.<\/p>\n<p>Der Irak wurde von der Kriegsmaschinerie der USA und ihrer \u00bbKoalition der Willigen\u00ab zerlegt und der Krieg hat durch sein \u00bbdivide et impera\u00ab das Land islamisiert. Derzeit bestehen K\u00e4mpfe von und gegen die Terrormiliz \u00bbIslamischer Staat\u00ab. 1.894.505 Menschen sind auf der Flucht.<\/p>\n<p>Somalia gilt als Failed State. Obwohl einige Landesteile mittlerweile wieder befriedet sein sollen, h\u00e4lt die Gewalt und die Kontrolle durch Al-Shabaab an. 903.774 Menschen sind auf der Flucht, seit Jahren. Und durch die Anschl\u00e4ge von Al-Shabaab in Kenia versch\u00e4rft der kenianische Pr\u00e4sident den Umgang mit somalischen Fl\u00fcchtlingen. In den n\u00e4chsten f\u00fcnf Jahren sollen 425.000 Personen repatriiert werden.<\/p>\n<p>Im Sudan, S\u00fcd-Sudan und Osten der Demokratischen Republik Kongo herrschen seit vielen Jahren gewaltsame Konflikte. Obwohl Peace Keeping Missionen der Vereinten Nationen in den L\u00e4ndern etabliert wurden, flammt die Gewalt immer wieder auf. Millionen sind auf der Flucht, seit Jahren (Sudan: 3.982.684; S\u00fcdsudan: 1.403.650; DRC: 2.820.131)<\/p>\n<p>Libyen erlitt nach dem Missbrauch des UN-Mandats zum Schutze der Zivilbev\u00f6lkerung ein \u00e4hnliches Schicksal wie Afghanistan. Ein un\u00fcberschaubares Desaster hat einen Staat abgel\u00f6st, in dem f\u00fcr das absolute Gros der Bev\u00f6lkerung Bildung, medizinische Versorgung, Trinkwasser und anderes mehr Normalit\u00e4t waren. 41.000 Menschen sind auf der Flucht.<\/p>\n<p>Dem Kosovo versprach der Westen nach der Herausl\u00f6sung aus Jugoslawien eine gute Zukunft. Das Land bietet den Menschen keine Gegenwart, von einer Zukunft ganz zu schweigen. In Serbien, Montenegro und Kosovo sind 180.466 Menschen auf der Flucht, nichtsdestotrotz unterl\u00e4sst die Bundesregierung scheinbar keinen Versuch, Kosovo und andere Balkanstaaten als sichere Herkunftsl\u00e4nder zu klassifizieren.<\/p>\n<p><strong>Parallelen sehen, verstehen und umsetzen<\/strong><\/p>\n<p>Wenn nun die Bundesregierung und allen voran das Bundesministerium f\u00fcr wirtschaftliche Entwicklung Fluchtursachen bek\u00e4mpfen m\u00f6chte, dann steht f\u00fcr uns die Frage im Raum: Werden die Parallelen zwischen Konflikt und Flucht tats\u00e4chlich gesehen und angegangen? Das Milit\u00e4r hat bisher nicht dazu beigetragen, diese komplexen politischen Probleme zu l\u00f6sen. Ganz im Gegenteil: Milit\u00e4r und Waffengewalt haben fast immer neue Problemlagen geschaffen. Die umfassenden Erkenntnisse der Friedens- und Konfliktforschung zu Fragen der Friedensf\u00f6rderung und Konfliktbearbeitung sind dringend zu Rate zu ziehen, und auch die Zwangsmigrations- und Fl\u00fcchtlingsforschung sollte \u00fcber die Exilorientierung hinausgehen und Fluchtmotive ber\u00fccksichtigen.<\/p>\n<p>In Anbetracht der Tatsache, dass mehr und mehr Fl\u00fcchtlinge vor Konflikten fliehen, ist ebenso die Dauer der Fl\u00fcchtlingssituationen zu ber\u00fccksichtigen. 2014 mussten 45 Prozent der Fl\u00fcchtlinge in Langzeitsituationen mit einer durchschnittlichen Dauer von 20 Jahren\u00a0 leben, da keine dauerhaften L\u00f6sungen &#8211; allen voran die politisch pr\u00e4ferierte R\u00fcckf\u00fchrung &#8211; umgesetzt werden konnten, weil die Sicherheit im Herkunftsland nicht gew\u00e4hrleistet war. W\u00e4hrend die Lebensumst\u00e4nde f\u00fcr Fl\u00fcchtlinge h\u00e4ufig inad\u00e4quat und \u00fcberaus schwierig sind, ist es ein kostenintensives Unterfangen f\u00fcr Geberinstitutionen. So erscheint der Vorschlag von Guy S. Goodwin-Gill und Selim Can Sazak, Herkunftsstaaten an den Kosten des Fl\u00fcchtlingsschutzes zu beteiligen, durchaus legitim. Fraglich ist hierbei allerdings, inwieweit jene Staaten, die die Konflikte aus der Ferne unterst\u00fctzen oder gar steuernd aufrechterhalten, zur Rechenschaft gezogen werden k\u00f6nnen oder sollten.<\/p>\n<p>Mit Blick auf den Wunsch der Fluchtursachenbek\u00e4mpfung bedeutet es:<\/p>\n<ol>\n<li>Punktuelle Ma\u00dfnahmen reichen nicht, vielmehr m\u00fcssen Bedingungen strukturell und nachhaltig verbessert werden.<\/li>\n<li>Ma\u00dfnahmen zur Unterst\u00fctzung von Konflikten und Gewalt sind zu unterbinden. Das hei\u00dft auch, dass R\u00fcstungsexporte zu stoppen sind.<\/li>\n<li>Zivile Ma\u00dfnahmen zur Konfliktpr\u00e4vention, -bearbeitung und Friedenserhaltung sind anstelle milit\u00e4rischer umzusetzen.<\/li>\n<li>Entwicklung geht mit wirtschaftlichen, sozialen, politischen und kulturellen Aspekten einher. Die Abschottung unserer M\u00e4rkte muss abgebaut werden.<\/li>\n<\/ol>\n<p>Diese Aspekte stellen langfristige Unternehmungen dar, die nur sukzessive, in Kooperation mit den unterschiedlichen Parteien und in st\u00e4ndig wiederkehrender kritischer Reflektion erreicht werden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><strong>Friedens(un)logisches und menschen(wider)rechtliches Handeln<\/strong><\/p>\n<p>In deutschen Medien und der Politik wird zunehmend von Fl\u00fcchtlingswellen, -str\u00f6men und -fluten gesprochen, die vermeintlich auf Europa und Deutschland zurollen. Auch die \u00bbDas Boot ist voll\u00ab-Metaphorik erfreut sich eines Revivals und erneut weitreichender Beliebtheit. Da sich 2014 30 Prozent aller Fl\u00fcchtlinge in der T\u00fcrkei, in Pakistan und im Libanon und 86 Prozent in L\u00e4ndern des globalen S\u00fcdens befanden, blieben sie in den Krisenregionen, weswegen weder Fluten bestehen noch das Boot voll ist. Obwohl Deutschland einen Anstieg an Asylantr\u00e4gen erf\u00e4hrt, betont Olaf Kleist, dass die Zahlen kritisch gesehen werden m\u00fcssen. Mehr Antr\u00e4ge bedeutet noch lange nicht, dass die AsylbewerberInnen auch bleiben d\u00fcrfen. Letztlich engagieren sich eine Reihe deutscher PolitikerInnen &#8211; nicht zuletzt der Bundes-Innen-Minister de Maizi\u00e8re &#8211; darin, mehr und mehr Herkunftsstaaten als sicher einzustufen, um AsylbewerberInnen schneller abschieben zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Die Reaktionen der deutschen und europ\u00e4ischen Politik &#8211; trotz Absichten der Fluchtursachenbek\u00e4mpfung &#8211; zeigen keine auf menschenrechtlichen Grundlagen basierende Herangehensweise. Sie w\u00fcrde die Menschen in den Mittelpunkt setzen. Die innerstaatliche Sicherheit wird indes mit vielf\u00e4ltigen rhetorischen Mitteln und operativen Ma\u00dfnahmen in den Vordergrund gesetzt, um vor den vermeintlichen Bedrohungen der Fl\u00fcchtlinge zu sch\u00fctzen. Diese Bedrohungsszenarien sind allerdings konstruiert und die Abschirmungsma\u00dfnahmen zum Schutz der Festung Europas mit milit\u00e4rischen Mitteln reichen nicht einmal zur Symptombehandlung.<\/p>\n<p>Die Politik vernachl\u00e4ssigt es, sich f\u00fcr ad\u00e4quate L\u00f6sungen der Fl\u00fcchtlingsfrage einzusetzen, und auch die Fluchtursachenbek\u00e4mpfung ist offensichtlich nur ein wohl klingender, weit gefeierter Begriff, dem keine Taten folgen. W\u00fcrde eine friedenslogische Herangehensweise genutzt werden, dann st\u00e4nden die Parallelen zwischen Konflikt und Flucht sowie die Sicherheit und die Menschenrechte der Fliehenden im Mittelpunkt.<\/p>\n<p><strong>Anmerkung:<\/strong><\/p>\n<p>Alle Daten \u00fcber die Anzahl der Fliehenden in den unterschiedlichen L\u00e4ndern sind von UNHCR (Stand: 12. August 2015).<\/p>\n<p>_________________________________<\/p>\n<p><em>PD Dr. Johannes M. Becker ist Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer des Zentrums f\u00fcr Konfliktforschung der Philipps-Universit\u00e4t Marburg.<\/em><\/p>\n<p><em>Dr. Ulrike Krause ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Zentrum f\u00fcr Konfliktforschung der Philipps-Universit\u00e4t Marburg. <\/em><\/p>\n<p><em>Submitted by <\/em><a href=\"https:\/\/www.transcend.org\/\" >TRANSCEND<\/a><em> member Benno Fuchs.<\/em><\/p>\n<p><a target=\"_blank\" href=\"http:\/\/wissenschaft-und-frieden.de\/index.php?pid=1&amp;comment=0068#c0068\" >Go to Original \u2013 wissenschaft-und-frieden.de<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>22. August 2015 &#8211; 2014 waren fast 60 Millionen Menschen auf der Flucht und 2015 wird diese Zahl wohl weiterhin steigen, wobei die meisten Menschen vor gewaltsamen Konflikten und Verfolgung flohen und fliehen. 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