{"id":64146,"date":"2015-09-21T12:00:19","date_gmt":"2015-09-21T11:00:19","guid":{"rendered":"https:\/\/www.transcend.org\/tms\/?p=64146"},"modified":"2015-09-21T04:50:52","modified_gmt":"2015-09-21T03:50:52","slug":"deutsch-die-krise-des-lebens-und-der-selbstverwirklichung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.transcend.org\/tms\/2015\/09\/deutsch-die-krise-des-lebens-und-der-selbstverwirklichung\/","title":{"rendered":"(Deutsch) Die Krise des Lebens und der Selbstverwirklichung"},"content":{"rendered":"<p><em>11. September 2015 &#8211; <\/em>Von Krise spricht man im Allgemeinen nur als von der Krise der Krise; der Krise der Erde und der Krise des Lebens, das vom Verschwinden bedroht ist, wie Papst Franziskus in seiner Enzyklika \u00fcber die \u201eSorge f\u00fcr das Gemeinsame Haus\u201c aufzeigt. Doch alles im Leben ist von Krise gekennzeichnet: die Krise der Geburt, der Jugend, der Wahl des Lebenspartners, der Berufswahl, des Mittagsd\u00e4mons, wie Freud die Midlife-Crisis der Menschen in ihren 40er Jahren bezeichnet, wenn uns bewusst wird, dass wir schon den Gipfel erreicht haben und im Abstieg begriffen sind. Und schlie\u00dflich die gro\u00dfe Krise des Todes, wenn wir von Zeit zu Ewigkeit schreiten.<\/p>\n<p>Die vor uns liegende Herausforderung besteht nicht darin, diese Krisen zu vermeiden. Sie sind dem menschlichen Leben eigen. Die Frage besteht darin, wie wir ihnen begegnen: welche Lehre ziehen wir aus ihnen und wie k\u00f6nnen wir an ihnen wachsen. Der Weg unserer Selbstverwirklichung und unserer Reife als menschliche Wesen f\u00fchrt durch diese Krisen.<\/p>\n<p>Jede Situation ist gut, jeder Ort ist exzellent dazu geeignet, dass wir uns an uns selbst messen und in unsere tiefe Dimension eintauchen und den fundamentalen Archetypus hervorbringen, den wir in uns tragen (die Grundtendenz, die uns stets zu schaffen macht) und der danach dr\u00e4ngt, durch uns zum Vorschein zu kommen und seine eigene Geschichte zu machen, die auch unsere wahre Geschichte ist. Hier kann sich niemand von einem anderen vertreten lassen. Jeder von uns ist allein. Dies ist die fundamentale Lebensaufgabe. Doch wer auf dieser seiner Reise gl\u00e4ubig ist, ist nicht mehr allein. Er\/sie hat eine pers\u00f6nliche Mitte gefunden, von wo aus sich alle anderen Reisenden finden lassen. Aus Einsamkeit wird dann Solidarit\u00e4t.<\/p>\n<p>Die Geographie der spirituellen Welt unterscheidet sich von der der physikalischen Welt. In der Geographie der physikalischen Welt ber\u00fchren die L\u00e4nder einander an ihren Grenzen. In der anderen Geographie ber\u00fchren Menschen einander durch ihre pers\u00f6nliche Mitte. Gleichg\u00fcltigkeit, Mittelm\u00e4\u00dfigkeit, Mangel an Leidenschaft auf der Suche nach unserem tiefen Ich distanzieren uns von unserer Mitte und der der anderen, und darum verlieren wir die Verbundenheit, selbst wenn wir diesen anderen nahe sind, uns unter ihnen befinden und versuchen, ihnen zu Diensten zu sein.<\/p>\n<p>Welches ist der beste Dienst, den ich anderen anbieten kann? Ich selbst zu sein, als ein Beziehungs-Wesen und daher stets mit anderen verbunden, ein Wesen, das sich f\u00fcr das Gute f\u00fcr sich und f\u00fcr die anderen entscheidet, das sich von der Wahrheit leiten l\u00e4sst, das liebt und Mitgef\u00fchl und Mitleid empfindet.<\/p>\n<p>Pers\u00f6nliche Verwirklichung besteht nicht in der Menge von pers\u00f6nlichen F\u00e4higkeiten, die wir erwerben k\u00f6nnen, sondern in deren Qualit\u00e4t, in der Art und Weise, wie wir versuchen, das, was unser Leben gerade von uns verlangt, gut zu tun. Die Quantifizierung, das Streben nach Titeln, nach endlosen Auszeichnungen, k\u00f6nnte in vielen pers\u00f6nlichen F\u00e4llen Flucht vor der Begegnung mit unserer eigentlichen Lebensaufgabe bedeuten: uns mit uns selbst zu messen, mit unseren W\u00fcnschen, unseren Beschr\u00e4nkungen, unseren Problemen, mit unseren positiven und negativen Seiten und diese auf kreative Weise in unser Leben zu integrieren. Die Anh\u00e4ufung von bedeutungslosem Wissen, das uns nur noch arroganter macht und uns von den anderen distanziert, zu vermeiden, ist, was uns reifer werden l\u00e4sst und uns erm\u00f6glicht, uns und die Welt besser zu verstehen. Es sind ihre eigenen Worte, die die Menschen verraten, welche sagen: \u201eICH bin es, der wei\u00df; ICH bin es, der es tut; ICH bin es, der entscheidet.\u201c Es ist immer das ICH und niemals das UNS oder die Sache, in der man sich mit anderen im Einklang befindet.<\/p>\n<p>Pers\u00f6nliche Verwirklichung ist nicht so sehr das Werk der Vernunft, die mit allen Dingen besch\u00e4ftigt ist, sondern das des Geistes, d. h. unserer Kapazit\u00e4t, Visionen zu schaffen, denen es um Zusammengeh\u00f6rigkeit geht und darum, den Dingen ihren eigentlichen Platz und Wert zu geben. Den Geist brauchen wir, um die Bedeutung jeder Situation zu erfassen. Daher geh\u00f6ren die Lebensweisheit und die Erfahrung des Mysteriums Gottes, das es in jedem Augenblick zu entziffern gilt, in den Bereich des Geistes. Es ist dies die Kapazit\u00e4t, sein Selbst v\u00f6llig hineinzugeben in das, was man tut. Spiritualit\u00e4t ist weder eine Wissenschaft noch eine Technik, sondern die Art, sich voll und ganz in jede Situation hineinzugeben.<\/p>\n<p>Die erste Aufgabe der Selbstverwirklichung besteht darin, unsere Situation mit ihren Grenzen und M\u00f6glichkeiten zu akzeptieren. Jede Situation ist vollkommen, nicht quantitativ zerstreut, sondern qualitativ gesammelt wie in einem Zentrum. In dieses Zentrum unseres Selbst zu gelangen hei\u00dft, die anderen zu finden, alle Dinge und Gott zu finden. Aus diesem Grund hei\u00dft es in der uralten Weisheit Indiens: \u201eWenn jemand in seinen eigenen vier W\u00e4nden korrekt denkt, werden seine Gedanken noch Tausende von Kilometern entfernt vernommen.\u201c Willst du andere ver\u00e4ndern, so beginne bei dir selbst.<\/p>\n<p>Eine weitere unabdingbare Aufgabe f\u00fcr die pers\u00f6nliche Verwirklichung besteht darin, mit dem letzten Ende, dem Tod, zu koexistieren. Wer dem Tod einen Sinn zu verleihen vermag, gibt auch dem Leben einen Sinn. Wer die Bedeutung des Todes nicht versteht, dem gelingt es auch nicht, den Sinn des Lebens zu entdecken. Der Tod ist jedoch mehr als der letzte Moment oder das Ende des Lebens. Das Leben selbst ist t\u00f6dlich. In anderen Worten: wir sterben langsam, St\u00fcck f\u00fcr St\u00fcck, denn sobald wir geboren werden, beginnen wir zu sterben, dahin zu welken und uns vom Leben zu verabschieden. Als erstes verabschieden wir uns vom Mutterleib und verlassen ihn. Dann sagen wir Lebewohl zur Kindheit, zur Jugend, zur Schule, zum Elternhaus, zum Erwachsenenalter, zu einigen unserer Aufgaben, zu jedem Moment, der vergeht, und schlie\u00dflich verabschieden wir uns vom Leben selbst.<\/p>\n<p>Dieser Abschied l\u00e4sst nicht nur Dinge und Situationen zur\u00fcck, doch immer auch etwas von uns selbst. Wir m\u00fcssen loslassen, arm werden und uns selbst entleeren. Was bedeutet all dies? Purer unverbesserlicher Fatalismus? Oder gibt es einen verborgenen Sinn? Wir entledigen uns selbst aller Dinge, sogar unserer selbst in unserem letzten Lebensmoment (Tod), denn wir wurden weder f\u00fcr diese Welt noch f\u00fcr uns selbst geschaffen, sondern f\u00fcr das Gro\u00dfe Andere, das unser Leben f\u00fcllen muss: Gott. Gott nimmt im Leben alles von uns, um uns nur umso mehr f\u00fcr Sich vorzubehalten. Er kann uns sogar die Gewissheit nehmen, dass sich all die M\u00fche gelohnt hat. Und selbst dann halten wir daran fest, vertrauen wir auf die heiligen Worte: \u201e<em>Denn selbst wenn uns unser Herz verurteilt, ist Gott gr\u00f6\u00dfer als unser Herz<\/em>.\u201c (1 Joh 3,20). Wem es gelingt, das Negative, einschlie\u00dflich der Ungerechtigkeit, in seine eigene Mitte zu integrieren, der hat das h\u00f6chste Ma\u00df an Menschwerdung und an innerer Freiheit erreicht.<\/p>\n<p>Das Negative und die Krise, die wir durchleben, k\u00f6nnen uns eine Lehre sein: die Lehre des Loslassens und der Vorbereitung auf die totale Vollkommenheit in Gott. Dann <em>werden wir<\/em> <em>durch Teilhabe zu Gott<\/em>, wie der Mystiker Johannes vom Kreuz sagt.<\/p>\n<p><u>____________________________________<\/u><\/p>\n<p><em>Leonardo<\/em><em> Boff ist eine brasilianische Theologe, Schriftsteller und Universit\u00e4tsprofessor, Exponenten der Befreiungstheologie in Brasilien. Er war ein Mitglied des Ordens der Minderbr\u00fcder, besser bekannt als die Franziskaner bekannt. Es ist f\u00fcr sein Eintreten f\u00fcr die Geschichte von sozialen Ursachen respektiert und auch noch zu debattieren Umweltfragen. Kolumnist f\u00fcr die<\/em> Jornal do Brasil, <em>schrieb<\/em> Franz von Assisi: Z\u00e4rtlichkeit und Kraft, <em>Vozes 2000<\/em><em>.<\/em><\/p>\n<p><a target=\"_blank\" href=\"https:\/\/leonardoboff.wordpress.com\/2015\/09\/11\/die-krise-des-lebens-und-der-selbstverwirklichung\/\" >Go to Original \u2013 leonardoboff.wordpress.com<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Doch alles im Leben ist von Krise gekennzeichnet: die Krise der Geburt, der Jugend, der Wahl des Lebenspartners, der Berufswahl, des Mittagsd\u00e4mons, wie Freud die Midlife-Crisis der Menschen in ihren 40er Jahren bezeichnet, wenn uns bewusst wird, dass wir schon den Gipfel erreicht haben und im Abstieg begriffen sind. 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