{"id":65234,"date":"2015-10-19T12:00:31","date_gmt":"2015-10-19T11:00:31","guid":{"rendered":"https:\/\/www.transcend.org\/tms\/?p=65234"},"modified":"2015-10-18T06:00:45","modified_gmt":"2015-10-18T05:00:45","slug":"deutsch-hintergrunde-zum-militarischen-engagement-russlands-und-der-usa-in-syrien","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.transcend.org\/tms\/2015\/10\/deutsch-hintergrunde-zum-militarischen-engagement-russlands-und-der-usa-in-syrien\/","title":{"rendered":"(Deutsch) Hintergr\u00fcnde zum milit\u00e4rischen Engagement Russlands und der USA in Syrien"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"https:\/\/www.transcend.org\/tms\/wp-content\/uploads\/2015\/10\/karl_grobe.jpg\" ><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-thumbnail wp-image-65235\" src=\"https:\/\/www.transcend.org\/tms\/wp-content\/uploads\/2015\/10\/karl_grobe-150x150.jpg\" alt=\"Sierra Exif JPEG\" width=\"150\" height=\"150\" \/><\/a>Seit Regierungstruppen Mitte M\u00e4rz 2011 mit unverh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfiger Gewalt in Deraa gegen Jugendliche vorgingen, die verbotene, weil revolution\u00e4r klingende, Worte auf eine kahle Wand appliziert hatten, witterten die Washingtoner Planer eine Gelegenheit. Hier hatte sich spontan eine Protestwelle entwickelt, hier konnte das Muster der \u201eArabellion\u201c angewandt werden: Kr\u00e4ftige, aber nicht unbedingt sichtbare F\u00f6rderung einer Volksbewegung, um in Syrien nachzuspielen, was in Tunesien und \u00c4gypten so gut gelungen schien.<\/p>\n<p>Die propagandistische und dann auch materielle Unterst\u00fctzung lie\u00df sich eing\u00e4ngig begr\u00fcnden als Hilfe zum Aufbau der Demokratie. Dahinter steckten weniger appetitliche Ziele.<\/p>\n<p>Im Nachbarstaat Irak war es unmittelbar um den Zugriff auf sehr ergiebige \u00d6lquellen gegangen. Keine Lappalie; Irak verf\u00fcgt hinter Saudi-Arabien \u00fcber die weltweit gr\u00f6\u00dften Erd\u00f6lreserven, gut zehn Prozent der Weltreserven. Unter der Baath-Regierung waren sie verstaatlicht worden, Saddam Hussein hatte sie 1972 den Konzernen BP, CFP, Exxon, Mobil und Shell weggenommen. Darum ging es dann auch 2003, nicht um Demokratie oder Menschenrechte; was Propagandisten hinter hocht\u00f6nenden Parolen verbergen, wusste schon Theodor Fontane: \u201esie sagen ,Christus\u2019 und meinen Kattun.\u201c<\/p>\n<p>Den USA waren zwei wichtige Verb\u00fcndete in den siebziger Jahren abhanden gekommen: Irak, ein allerdings unsicherer Kantonist, durch die Baathisten; Iran 1979 durch die Islamische Revolution. Im Nahen und Mittleren Osten konnte Washington sich nur noch auf zwei Freunde verlassen: Israel und Saudi-Arabien. Die Kontrolle \u00fcber die erd\u00f6lreichste Region der Erde war in Gefahr. Jimmy Carter hatte 1980 gewarnt: \u201eJeder von einer fremden Macht unternommene Versuch, Kontrolle \u00fcber den Persischen Golf zu erlangen, wird als Angriff auf die lebenswichtigen Interessen der Vereinigten Staaten von Amerika gewertet. Ein solcher Angriff wird mit allen erforderlichen Mitteln, einschlie\u00dflich milit\u00e4rischer Gewalt, abgewehrt werden.\u201c Klare Worte; falls jemand die Eisenhower-Doktrin vom M\u00e4rz 1957 vergessen haben sollte: In Zukunft werde das \u00d6l des Nahen Ostens, nicht allein durch moralische Beschl\u00fcsse der Vereinten Nationen, sondern auch mit amerikanischen Waffen verteidigt werden. Indes: Der Pr\u00e4sident erw\u00e4hnte die kommunistische Gefahr, nicht die Bodensch\u00e4tze.<\/p>\n<p>Nicht viel anders im Fall Syrien. Es handelt sich nicht um die hehren Werte, wie sie in den Gr\u00fcndungsdokumenten der UN formuliert sind. Es handelt sich um die Hegemonie in der Region. Der widerstand Syrien als Verb\u00fcndeter Irans, St\u00fctze der Hisbollah in Libanon (die Hisbollah ist einerseits eine effektive politische Partei, andererseits eine milit\u00e4rische Macht), Heimat einer nicht unwichtigen kurdischen Minderheit \u2013 und bis vor vier Jahren der (neben der T\u00fcrkei) stabilste Staat der Region.<\/p>\n<p>Die Destabilisierung setzte nach den Vorf\u00e4llen von Deraa ein. Die Proteste zu aktivieren lag im Interesse der Amerikaner wie der Saudis; ging es Washington zun\u00e4chst darum, das Regime der Baath-Partei (konkret: der alawitisch dominierten Halbdiktatur des Baschir al-Assad) auszuhebeln, so trachteten Saudis und Petrofeudalisten von der Golfk\u00fcste nach R\u00fcckendeckung f\u00fcr die sunnitische Opposition in Bagdad. Aus der Finanz- und Waffenhilfe f\u00fcr kleinere Gruppen entwickelte sich der \u201eIslamische Staat (IS) in der Levante\u201c, sp\u00e4ter: das \u201eKalifat\u201c.<\/p>\n<p>Nun sehen sich die USA zum Umschwenken gen\u00f6tigt. Hatten sie zun\u00e4chst unter Ausschluss der \u00d6ffentlichkeit geholfen, die verschiedenen islamistischen Milizen (Sekten) aufzur\u00fcsten, so gef\u00e4hrdet das \u201eKalifat\u201c nun ihre Interessen als militante, terroristische Kraft, deren Aufkommen den arabischen Despotien n\u00fctzen, deren Bindung an Washington lockern und damit das in Frage stellen k\u00f6nnte, was Gegenstand der Doktrinen Eisenhowers und Carters (und nat\u00fcrlich der Bushs) war. Um nicht noch mehr Einfluss einzub\u00fc\u00dfen, akzeptieren die amerikanischen Strategen taktische Zusammenarbeit mit Assad wie mit Iran. Ihr Z\u00e4hneknirschen ist un\u00fcberh\u00f6rbar.<\/p>\n<p>Das gr\u00f6\u00dfere strategische Ziel bleibt gleichwohl die regionale Hegemonie \u2013 als Teil des \u201eNeuen Gro\u00dfen Spiels\u201c, das der Geopolitiker Zbigniew Brzezinski und die Autoren des Project for a New American Century (PNAC; da sind die K\u00f6pfe versammelt, die f\u00fcr George W. Bush geplant und regiert haben) gemeinsam ersonnen haben. In diesem Spiel sollen die Mitspieler aus der Mannschaft Erdogans nicht verprellt werden; den neuen massiven Kriegshandlungen gegen Kurden in Ostanatolien, Nordirak und Nordsyrien widersprechen amerikanische Milit\u00e4rs und Diplomaten nur leise. Der St\u00fctzpunkt Incirlik ist wichtiger als die Selbstbestimmung in Kobane.<\/p>\n<p>Aus dem Kreml nimmt sich das alles h\u00f6chst bedenklich aus. Den USA die Bek\u00e4mpfung des \u201eKalifats\u201c allein oder gemeinsam mit anderen Nato-Staaten zu \u00fcberlassen kommt f\u00fcr die russischen Planer nicht infrage. Die russlandinternen islamistischen Aufst\u00e4nde glimmen ja noch; das \u201ekaukasische Emirat\u201c ist noch da; und die Hunderte, vielleicht Tausende Jihadisten aus dem Kaukasus \u2013 Tschetschenien, Dagestan, die Tscherkessengebiete \u2013 k\u00f6nnten eines unsch\u00f6nen Tages zur\u00fcckkehren. Die russische Politik geht da mit der amerikanischen konform.<\/p>\n<p>Aber Russland ist auch Partner des Assad-Regimes. Erstens als Gegengewicht gegen die in der T\u00fcrkei pr\u00e4sente Nato, die in Irak pr\u00e4senten USA und als Partner Irans (wobei Teheran die N\u00e4he Russlands umso mehr sucht, als die konservative Fraktion in den USA und deren israelische Freunde auf Konfrontation gehen).<\/p>\n<p>Zudem denken Russlands Au\u00dfenpolitiker durchaus strategisch. Die globalstrategischen Ziele \u201edes Westens\u201c werden nicht ohne Grund im Zusammenhang gesehen: Ost-Erweiterung der Nato und der EU, Intervention im Nahen Osten, m\u00f6gliche Kooperation mit asiatischen M\u00e4chten erscheinen dann als Bestandteile einer weltweiten Einkreisung. So steht es ja auch in den Papieren des PNAC und in Brzezinskis B\u00fcchern.<\/p>\n<p>Die Zusammenarbeit Moskaus mit Washington ist also ganz und gar nichts Stabiles. Sie folgt milit\u00e4rischer Opportunit\u00e4t, wie sie dem jeweils eigenen strategischen Interesse entspringt. Es ist ratsam, \u00fcber diese Beschr\u00e4nkung hinauszugehen und auf eine gemeinsame Friedenspolitik hinzuwirken. Darin ist die Damaszener Regierung (Assad) einzubeziehen; eine dauerhafte Konfliktl\u00f6sung kann dar\u00fcber hinaus nur m\u00f6glich werden, wenn sie auch die irakische, die iranische und die arabischen Regierungen einbezieht \u2013 und die von den Regierungen nicht vertretenen Gruppen, Bewegungen und V\u00f6lker, besonders die Kurden.<\/p>\n<p>____________________________<\/p>\n<p><em>Karl Grobe ist Autor des Aachener Friedensmagazins aixpaix.de. Er war leitender au\u00dfenpolitischer Redakteur der Frankfurter Rundschau. <\/em><\/p>\n<p><em>Submitted by <\/em><a href=\"https:\/\/www.transcend.org\/\" >TRANSCEND<\/a><em> member Benno Fuchs.<\/em><\/p>\n<p><a target=\"_blank\" href=\"http:\/\/www.aixpaix.de\/autoren\/grobe\/syrien-20151008.html\" >Go to Original \u2013 aixpaix.de<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es ist ratsam, \u00fcber diese Beschr\u00e4nkung hinauszugehen und auf eine gemeinsame Friedenspolitik hinzuwirken. 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