{"id":76188,"date":"2016-07-11T12:00:11","date_gmt":"2016-07-11T11:00:11","guid":{"rendered":"https:\/\/www.transcend.org\/tms\/?p=76188"},"modified":"2016-07-08T16:02:49","modified_gmt":"2016-07-08T15:02:49","slug":"deutsch-wer-nur-die-usa-sieht-entschuldigt-den-deutschen-imperialismus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.transcend.org\/tms\/2016\/07\/deutsch-wer-nur-die-usa-sieht-entschuldigt-den-deutschen-imperialismus\/","title":{"rendered":"(Deutsch) \u00bbWer nur die USA sieht, entschuldigt den deutschen Imperialismus\u00ab"},"content":{"rendered":"<p>2. Juli 2016 &#8211; <em>Gespr\u00e4ch mit Tobias Pfl\u00fcger. \u00dcber die Militarisierung der Bundesrepublik, Proteste gegen die Armee und den seit Jahren schwelenden Streit in der Friedensbewegung.<\/em><\/p>\n<div id=\"attachment_76155\" style=\"width: 710px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/www.transcend.org\/tms\/wp-content\/uploads\/2016\/07\/german-imperialsm-usa-military.jpg\" ><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-76155\" class=\"size-full wp-image-76155\" src=\"https:\/\/www.transcend.org\/tms\/wp-content\/uploads\/2016\/07\/german-imperialsm-usa-military.jpg\" alt=\"Kindern \u00bbSpa\u00df\u00ab am Krieg vermitteln. Tag der Bundeswehr am 11. juni, hier in Munster Foto: flickr.com\/Bundeswehr\/Jane Schmidt\" width=\"700\" height=\"410\" srcset=\"https:\/\/www.transcend.org\/tms\/wp-content\/uploads\/2016\/07\/german-imperialsm-usa-military.jpg 700w, https:\/\/www.transcend.org\/tms\/wp-content\/uploads\/2016\/07\/german-imperialsm-usa-military-300x176.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 700px) 100vw, 700px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-76155\" class=\"wp-caption-text\">Kindern \u00bbSpa\u00df\u00ab am Krieg vermitteln. Tag der Bundeswehr am 11. juni, hier in Munster<br \/>Foto: flickr.com\/Bundeswehr\/Jane Schmidt<\/p><\/div>\n<p><strong>Die Bundesrepublik r\u00fcstet auf. 130 Milliarden Euro sollen der Armee bis zum Jahr 2030 f\u00fcr investive Ausgaben zur Verf\u00fcgung gestellt werden. Das sind bis zu 60 Milliarden Euro an zus\u00e4tzlichen Mitteln, die die Bundeswehr insgesamt in den kommenden Jahren erh\u00e4lt. Wei\u00df man bereits, wof\u00fcr das Geld ausgegeben werden soll?<\/strong><\/p>\n<p>Heruntergerechnet w\u00e4ren das etwa neun Milliarden Euro pro Jahr, die die Bundeswehr f\u00fcr diese sogenannten investiven Ausgaben erh\u00e4lt. Das ist das Geld f\u00fcr die Beschaffung von Waffen und Ausr\u00fcstung. Es gibt eine nicht dementierte Meldung des Verteidigungsministeriums, derzufolge Panzer reaktiviert, also wieder in Betrieb genommen werden sollen. Zudem will man neue anschaffen. Auch in Kampfdrohnen will man investieren. Da hat man sich f\u00fcr die israelische Variante namens Heron TP entschieden. Sie ist auf die \u00dcberwachung von Gebieten ausgerichtet, kann aber auch bewaffnet werden. Dann soll noch Geld f\u00fcr die Cyberkriegf\u00fchrung ausgegeben werden.<\/p>\n<p><strong>Sie haben erw\u00e4hnt, dass Panzer gekauft werden sollen. Wo will man die einsetzen?<\/strong><\/p>\n<p>Die Bundeswehr hat grob gesagt zwei Schwerpunkte im Visier: Russland und Fl\u00fcchtlinge. So ist die Bundeswehr Teil des bis Oktober andauernden \u00bbAnakonda\u00ab-Man\u00f6vers nahe der russischen Grenze. Dieses hat ein eindeutiges Kriegsszenario gegen Russland. Allerdings ist das einigen in der Bundesregierung zu plump. So hat sich Au\u00dfenminister Frank-Walter Steinmeier gegen das \u00bbS\u00e4belrasseln\u00ab ge\u00e4u\u00dfert. Doch die Bundeswehr schafft sich permanente Milit\u00e4rst\u00fctzpunkte. In Dschibuti gibt es bereits einen, in Termes in Usbekistan gab es einen. Nun will man einen in den baltischen Staaten er\u00f6ffnen. In den osteurop\u00e4ischen L\u00e4ndern muss die Bundeswehr bislang rotieren, darf ihre Truppen laut der NATO-Russland-Grundakte dort nicht dauerhaft stationieren \u2013 auch wenn sie das de facto bereits tut.<\/p>\n<p>Zudem wird gerade in zwei Man\u00f6vern ge\u00fcbt, die schweren Ger\u00e4tschaften zu transportieren. In Zukunft sollen kleinere Panzer mit dem Airbus A400M transportiert werden. Bislang tut der es aber aufgrund einer Reihe von Konstruktionsm\u00e4ngeln nicht. Doch er stellt ein zentrales Projekt der Bundeswehr dar.<\/p>\n<p><strong>Deuten sich da nicht weitere Auslandseins\u00e4tze an?<\/strong><\/p>\n<p>Ja. Im Moment befinden sich ungef\u00e4hr 3.000 Soldaten in solchen Eins\u00e4tzen. Doch eine um ein Vielfaches h\u00f6here Zahl nimmt derzeit an Man\u00f6vern teil. Ich sage immer: Eigentlich sind auch das Auslandseins\u00e4tze.<\/p>\n<p><strong>Desto wichtiger sind kraftvolle Aktionen gegen das deutsche Milit\u00e4r. Zuletzt gab es die am 11. Juni, am \u00bbTag der Bundeswehr\u00ab. An den Protesten haben Sie sich beteiligt. Wo und wie?<\/strong><\/p>\n<p>Der \u00bbTag der Bundeswehr\u00ab wurde auf Gehei\u00df von Ursula von der Leyen organisiert und fand an 16 Standorten statt. Die Tore der Kasernen wurden ge\u00f6ffnet, das Kriegsger\u00e4t ausgestellt. Die Menschen sollten es sich anschauen. Es ging darum, gerade junge Leute an die Bundeswehr heranzuf\u00fchren und Werbung f\u00fcr die Armee zu machen. Ich selbst war in Stetten am kalten Markt. Als Friedensbewegung hatten wir vor dem Kasernengel\u00e4nde eigene St\u00e4nde. Doch viele von uns haben sich direkt in die Kasernen begeben. Dort haben sich von der Fahrbereitschaft der Bundeswehr \u00fcber das Landeskommando Baden-W\u00fcrttemberg bis hin zur Deutsch-Franz\u00f6sischen Brigade die Milit\u00e4rs pr\u00e4sentiert. Sie haben den Menschen munter Werbematerial in die Hand gedr\u00fcckt. Alles sollte nett und freundlich wirken. Was der Beruf des Soldaten eigentlich bedeutet, wurde nicht dargestellt.<\/p>\n<p>Ausgestellt war in Stetten auch ein \u00bbLeopard 2 A5\u00ab-Panzer. Und dann ist passiert, womit man ohnehin rechnen konnte: Familien waren hier unterwegs, die Kinder sind an den Kriegswaffen herumgeklettert. Es gab zudem ein Zelt, in dem Handfeuerwaffen vorgestellt wurden, etwa die MP5 oder das G36. Die Soldaten f\u00fchrten jeden ein \u2013 ob der nun 50, 15 oder f\u00fcnf war. Ich habe selbst gesehen, wie sie Kindern die Waffe gaben. Das widerspricht selbst den Richtlinien der Bundeswehr, in denen festgelegt ist, dass Kinder nicht an Handfeuerwaffen d\u00fcrfen. Von den Vorg\u00e4ngen haben wir Fotos geschossen. Vermutlich ist \u00e4hnliches auch an anderen Standorten geschehen, doch davon haben wir keine Bilder.<\/p>\n<p><strong>Auch in Zukunft wird sich das Milit\u00e4r pr\u00e4sentieren. Allerdings sollen k\u00fcnftig die Waffen in Vitrinen verstaut werden, lie\u00df Verteidigungsministerin von der Leyen als Antwort auf die Kritik ausrichten.<\/strong><\/p>\n<p>Wir haben einen Teilerfolg errungen. Einverstanden sind wir mit der Propaganda f\u00fcr die Armee nat\u00fcrlich auch weiterhin nicht. Die Bundeswehr ist eine Armee, die im Krieg ist. Sie ist in eine Reihe von Auslandseins\u00e4tzen involviert, etwa in Afghanistan, in denen get\u00f6tet wird, in denen gestorben wird. Es gibt an dieser Armee keine guten Aspekte. Meine Haltung ist, dass die Bundeswehr abgeschafft werden muss.<\/p>\n<p>Wir haben nun die ersten Einblicke in das sogenannte Wei\u00dfbuch der Bundeswehr bekommen, in dem deren weitere Ausrichtung festgelegt wird. Demnach sollen in Zukunft auch EU-Ausl\u00e4nder rekrutiert werden. Denn man hat weiterhin Probleme, Menschen zu werben. Dabei findet man bei der Bundeswehr Arbeitsbedingungen vor, die \u00bbhervorragend\u00ab sind im Verh\u00e4ltnis zu vielem, was es sonst auf dem Arbeitsmarkt an Angeboten gibt. So wird manchen Rekruten etwa das Studium gezahlt. Vor allem qualifizierte Leute m\u00f6chte man damit gewinnen. Doch gerade das klappt nicht. Auch der Frauenanteil ist nach wie vor sehr gering.<\/p>\n<p><strong>K\u00f6nnen Sie sich das erkl\u00e4ren?<\/strong><\/p>\n<p>Die Menschen in der Bundesrepublik sind nicht kriegswillig. Es gibt allerdings ein verr\u00fccktes Ph\u00e4nomen: Fragt man die Leute nach ihrer Haltung zu NATO und Bundeswehr im allgemeinen, dann gibt es eine hohe Akzeptanz gegen\u00fcber beiden Organisationen. Wird man aber konkret, stellt man die Frage: \u00bbSind Sie f\u00fcr Auslandseins\u00e4tze, etwa in Afghanistan?\u00ab dann nimmt die Zustimmung rapide ab. Das ist eine Gemengelage, die sowohl f\u00fcr die Bundeswehr wie auch f\u00fcr die Friedensbewegung schwierig ist. Die Armeef\u00fchrung wird darauf achten, dass sie nichts von dem erz\u00e4hlt, was die Bundeswehr tats\u00e4chlich tut. Wir hingegen m\u00fcssen aufzeigen, was die Eins\u00e4tze der Bundeswehr im einzelnen bedeuten. Wir m\u00fcssen es schaffen, dass die Bundeswehr nirgendwo mehr ohne Protest auftreten kann.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><strong><em>Die Bilder, die Kinder an Waffen zeigen, waren semp\u00f6rend. Sie gingen auch durch die b\u00fcrgerliche Presse. Spiegel online titelte etwa: \u00bbBundeswehr l\u00e4sst Kinder mit Gewehren spielen\u00ab. In der Folge traf die Bundeswehr ein Sturm der Entr\u00fcstung.<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Wir haben dem Milit\u00e4r einen Strich durch die Rechnung gemacht. An den meisten der 16 Standorte fanden Proteste statt, etwa 1.000 Menschen haben an ihnen teilgenommen. Wir konnten also mit gar nicht so vielen Menschen ihre Propagandaschau verderben. Nun wird in der \u00d6ffentlichkeit endlich \u00fcber Waffen diskutiert. Die Bundeswehr hat hier Grenzen \u00fcberschritten. Und das an einem Tag, an dem sie an Akzeptanz gewinnen wollte. Zudem war die Aktion gut f\u00fcr die Zusammenarbeit in der Friedensbewegung.<\/p>\n<p><strong>Welche Absprachen gab es im Vorfeld unter den verschiedenen Gruppen?<\/strong><\/p>\n<p>Die DFG-VK (Deutsche Friedensgesellschaft \u2013 Vereinigte KriegsdienstgegnerInnen, <em>jW<\/em>) und das Netzwerk Friedenskooperative haben die Koordination \u00fcbernommen und die Informationen gesammelt. So wussten wir jeweils, was an anderen Orten stattfindet und konnten uns dar\u00fcber austauschen. Etwa ein Dutzend Organisationen hat sich dann beteiligt. So hat etwa Die Linke zu den Protesten aufgerufen, aber auch Jugendorganisationen wie die SDAJ oder die Linksjugend solid. Auch Pax Christi war in die Aktion involviert.<\/p>\n<p><strong>Sie haben eben von der \u00bbZusammenarbeit in der Friedensbewegung\u00ab gesprochen. W\u00e4hrend Sie und andere gegen die Bundeswehr aktiv wurden, folgten andere Aktivisten einem Aufruf der Kampagne \u00bbStopp Ramstein\u00ab. Zwischen 1.500 und 5.000 Menschen forderten die Schlie\u00dfung der US-Basis in Ramstein, die f\u00fcr die Drohnenkriege der USA von gro\u00dfer Bedeutung ist. Die Teilnehmerzahlen von Polizei und Veranstaltern unterschieden sich hier, blieben aber deutlich unter den 12.000, auf die die Organisatoren vorab gehofft hatten. Haben sich dieser und Ihr Protest gegenseitig erg\u00e4nzt, oder sich die Teilnehmer weggenommen?<\/strong><\/p>\n<p>Es ist etwas skurril, dass das gleichzeitig stattfand. Wie die \u00bbStopp Ramstein\u00ab-Kampagne ihren Termin festgelegt hat, wei\u00df ich nicht. Der \u00bbTag der Bundeswehr\u00ab wird ja von der Armee bestimmt. Nat\u00fcrlich gibt es einzelne Aktivisten, die sich dann \u00fcberlegen, wo sie hingehen. Aber im gro\u00dfen und ganzen w\u00fcrde ich sagen, dass sich die Proteste gegenseitig nicht viel genommen haben. Sie haben unterschiedliche Spektren angezogen. Auch die Organisation lief voneinander fast g\u00e4nzlich unabh\u00e4ngig.<\/p>\n<p><strong>Die Kampagne wird haupts\u00e4chlich von Einzelpersonen getragen, hinter den Aktionen zum \u00bbTag der Bundeswehr\u00ab standen hingegen Organisationen. Woher r\u00fchrt der Unterschied in der Organisationsform?<\/strong><\/p>\n<table width=\"700\">\n<tbody>\n<tr>\n<td>\n<p><div id=\"attachment_76154\" style=\"width: 510px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/www.transcend.org\/tms\/wp-content\/uploads\/2016\/07\/german-imperialsm-usa-military2.jpg\" ><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-76154\" class=\"wp-image-76154\" src=\"https:\/\/www.transcend.org\/tms\/wp-content\/uploads\/2016\/07\/german-imperialsm-usa-military2.jpg\" alt=\"Foto: AP Photo\/Volker Wiciok\" width=\"500\" height=\"293\" srcset=\"https:\/\/www.transcend.org\/tms\/wp-content\/uploads\/2016\/07\/german-imperialsm-usa-military2.jpg 700w, https:\/\/www.transcend.org\/tms\/wp-content\/uploads\/2016\/07\/german-imperialsm-usa-military2-300x176.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 500px) 100vw, 500px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-76154\" class=\"wp-caption-text\">Foto: AP Photo\/Volker Wiciok<\/p><\/div><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p>Unter den Aufruferinnen und Aufrufern zum Protest gegen die US-Basis sind umstrittene Pers\u00f6nlichkeiten. Dort sind auch Akteure der Montagsmahnwachen mit dabei. Deshalb h\u00e4tte dieser Protest gar nicht anders als von Einzelpersonen organisiert werden k\u00f6nnen. Jede Organisation, die man nach ihrer Teilnahme gefragt h\u00e4tte, h\u00e4tte eine l\u00e4ngere interne Debatte gef\u00fchrt. Eben die, ob man gemeinsam mit jenen von den Montagsmahnwachen auftritt. Wenige Organisationen h\u00e4tten sich dazu entschieden. Das wei\u00df ich von einer ganzen Reihe von Verb\u00e4nden, aus denen aber Einzelpersonen zum Protest in Ramstein aufgerufen haben.<\/p>\n<p><strong>Es wird immer noch \u00fcber die Montagsmahnwachen gestritten? Vor zwei Jahren mag das ja angemessen gewesen sein, aber heute kommt ihnen doch kaum noch eine Bedeutung zu.<\/strong><\/p>\n<p>Im Grunde wei\u00df jeder, dass dieses Spektrum atomisiert wurde. Aber die Frage bleibt, mit welchen Themen man wen anzieht. Das ist die Kerndebatte, die derzeit in der Friedensbewegung gef\u00fchrt wird. Bei den Protesten gegen den \u00bbTag der Bundeswehr\u00ab ist v\u00f6llig eindeutig, gegen wen man sich richtet und wo man steht. Auch im Fall der US-Basis in Ramstein kann man die Proteste inhaltlich gut aufziehen. Man kann dort aber auch Formulierungen finden, die sehr problematisch sind.<\/p>\n<p><strong>\u00bbDie Beteiligung Deutschlands an Interventionskriegen muss beendet und alle Aufr\u00fcstungsprogramme m\u00fcssen gestoppt werden\u00ab, hei\u00dft es auf der Website von \u00bbStopp Ramstein\u00ab. Dieser Formulierung wird doch auch die Informationsstelle Militarisierung zustimmen k\u00f6nnen.<\/strong><\/p>\n<p>Ja klar. Doch bei der gesamten Debatte um die Montagsmahnwachen war und ist es so, dass die Aufrufe zu den Aktionen nicht das wirkliche Problem sind. In ihnen gibt es immer eine antifaschistische Passage, auch eine, die sich auf die deutsche Regierung bezieht. Gleichzeitig spielen dann aber Akteure eine Rolle, die f\u00fcr eine \u00d6ffnung nach rechts stehen und auch ansonsten zweifelhafte Positionen beziehen. Zwei Beispiele dazu: Anneliese Fikentscher ist Teil der Organisation Arbeiterfotografie. Das sind die, die sagen, dass der rechte \u00d6sterreicher J\u00f6rg Haider von einem Geheimdienst umgebracht worden sei. Er habe gest\u00f6rt. Fikentscher sa\u00df dann auf einem Podium bei Stopp Ramstein. Das zweite Beispiel ist Willy Wimmer, der auch bereits bei der Rosa-Luxemburg-Konferenz der <em>jungen Welt<\/em> gesprochen hat. Er scheint aber immer weiter nach rechts ger\u00fcckt zu sein. Im Zuge von Stopp Ramstein hat er formuliert, dass die Drohnenmorde mit den Erschie\u00dfungskommandos der Wehrmacht am Ende des Zweiten Weltkriegs zu vergleichen w\u00e4ren. Da muss man doch sagen: Beides ist zwar f\u00fcrchterlich, aber eben nicht miteinander zu vergleichen. Warum organisiert man sich eine Veranstaltung so, dass man Gefahr l\u00e4uft, dieses Spektrum mitzubedienen? Dar\u00fcber wird immer wieder diskutiert. Diejenigen, die anfingen, mit den Akteuren der Montagsmahnwachen zu arbeiten, haben den Spaltpilz in die Friedensbewegung gebracht.<\/p>\n<p><strong>Aber bedeutende Organisatoren der \u00bbStopp Ramstein\u00ab-Kampagne sind selbst seit langem f\u00fcr den Frieden engagiert.<\/strong><\/p>\n<p>Ja. Zum Beispiel Reiner Braun von den Juristinnen und Juristen gegen nukleare, biologische und chemische Waffen, IALANA. Er arbeitet seit Jahren in der Friedensbewegung. Und ich habe ja auch \u00fcberhaupt nichts dagegen, vern\u00fcnftige Menschen aus den Montagsmahnwachen herauszul\u00f6sen. Doch es geht darum, wen man sich mit welchen Themen einl\u00e4dt. So gab es laut Programm der Kampagne eine Veranstaltung zur Bilderberg-Konferenz. Grunds\u00e4tzlich ist das spannend. Aber wir wissen doch genau, dass es nicht nur eine Kritik von links an dieser Konferenz gibt. Statt dessen sollte man Leute einladen, bei denen man wei\u00df, wo sie politisch stehen. Dann kommt man nicht in die Gefahr, Unsinn zu h\u00f6ren und die falschen Leute zu mobilisieren.<\/p>\n<p><strong>Nun haben Sie Reiner Braun genannt. Um ihn scheint es auch eine Kontroverse zu geben. Man kreidet ihm an, Ende Januar den Bautzener Friedenspreis entgegengenommen zu haben. Warum?<\/strong><\/p>\n<p>Es ist ein Riesenproblem, dass er den angenommen hat. Urspr\u00fcnglich wurde von der Website des Bautzener Friedenspreises auf die Montagsmahnwachen verwiesen. Dort fand man sowohl linke als auch rechte Inhalte. Das ging bis hin zu Hitler-Spr\u00fcchen. Mittlerweile ist diese Website ge\u00e4ndert. Dann gibt es die Geschichte, dass der Moderator der Preisverleihung bei einer der Mahnwachen einen nach eigenem Bekunden \u00bbbekennenden Nationalsozialisten\u00ab reden lie\u00df. Es d\u00fcrfe ja jeder sprechen. Da h\u00f6rt dann irgendwann der Spa\u00df auf. Aus der Friedensbewegung gibt es deshalb den Wunsch, dass Reiner Braun den Preis zur\u00fcckgibt.<\/p>\n<p><strong>Und was sagen Sie?<\/strong><\/p>\n<p>Er soll den Preis zur\u00fcckgeben.<\/p>\n<p><strong>Gab es darauf eine Reaktion?<\/strong><\/p>\n<p>Er sagte, er habe unsere Kritik an die Verleiher des Preises weitergegeben. Aber ich habe ihn bisher so verstanden, dass er den Preis behalten will.<\/p>\n<p><strong>Es gibt also Spannungen in der Friedensbewegung. Hat sich dar\u00fcber auch der Umgang der Organisationen und Personen untereinander ge\u00e4ndert?<\/strong><\/p>\n<p>In vielen Organisationen gibt es eine Dauerdebatte, die nicht mehr aufh\u00f6rt. Auch innerhalb des selben Verbands verhalten sich die Menschen unterschiedlich zu den Montagsmahnwachen. Manche wollen mit ihnen arbeiten, andere nicht. Gerade dadurch werden viele Dinge heikel. Zum 8. Oktober wollen wir etwa eine gemeinsame, bundesweit organisierte Friedensdemonstration auf die Beine stellen. Dabei gibt es immer das Bem\u00fchen, miteinander zusammenzuarbeiten. Doch dabei bleibt dieses Problem bestehen. Dieser Konflikt stellt eine ernste strukturelle Schw\u00e4chung der Friedensbewegung dar.<\/p>\n<p><strong>Sehen Sie einen Ausweg aus dieser verfahrenen Situation?<\/strong><\/p>\n<p>Nein.<\/p>\n<p><strong>Offenbar macht sich diese Auseinandersetzung an Personen und der Themenwahl fest. Aber steckt dahinter nicht die tiefer gehende Frage, ob die Friedensbewegung in Deutschland haupts\u00e4chlich gegen den deutschen oder in erster Linie gegen den US-Imperialismus vorgehen soll?<\/strong><\/p>\n<p>Das ist in der Tat eine der Grundfragen. Allerdings w\u00fcrde ich Organisatoren wie Reiner Braun den Vorwurf nicht machen: Er hat mit mir entwickelt, dass die EU-Militarisierung kritisiert werden muss, ebenso die Entwicklung innerhalb Deutschlands. Doch in den Reden einiger gibt es nur US-Kritik, US-Kritik, US-Kritik. Bei der Kritik von rechts hei\u00dft es dann, dass sich die deutsche Armee nicht f\u00fcr US-Interessen einbinden lassen d\u00fcrfe. Da wird von den \u00bbdeutschen Jungs\u00ab gesprochen. Das kann nicht unsere Kritik sein, wir m\u00fcssen antimilitaristisch argumentieren.<\/p>\n<p><strong>Von Deutschland aus betrachtet sind die USA ein wenig weit entfernt. Der deutsche Imperialismus liegt als Ziel doch viel n\u00e4her.<\/strong><\/p>\n<p>Das sehe ich auch so, da bin ich v\u00f6llig Liebknechtianer: \u00bbDer Hauptfeind steht im eigenen Land.\u00ab Um den m\u00fcssen wir uns prim\u00e4r k\u00fcmmern. Doch auf jeder Veranstaltung erlebe ich Menschen, die nur die USA sehen. Gerade weil sie so weit weg sind \u2013 und es weniger konkret wird, etwas zu tun und zu \u00e4ndern. Und nat\u00fcrlich ist die US-Au\u00dfenpolitik verheerend. Doch wer nur sie kritisiert und nichts sonst, der entschuldigt den Imperialismus Deutschlands. Und das geht nicht.<\/p>\n<p>_________________________________<\/p>\n<p><em>Tobias Pfl\u00fcger ist stellvertretender Vorsitzender der Partei Die Linke. <\/em><em>1996 war er einer der Initiatoren f\u00fcr die Gr\u00fcndung der Informationsstelle Militarisierung (IMI)<\/em><\/p>\n<p><a target=\"_blank\" href=\"https:\/\/www.jungewelt.de\/2016\/07-02\/060.php\" >Go to Original \u2013 jungewelt.de<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>2. Juli 2016 &#8211; Gespr\u00e4ch mit Tobias Pfl\u00fcger. \u00dcber die Militarisierung der Bundesrepublik, Proteste gegen die Armee und den seit Jahren schwelenden Streit in der Friedensbewegung.<\/p>\n","protected":false},"author":4,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[46],"tags":[],"class_list":["post-76188","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-original-languages"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.transcend.org\/tms\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/76188","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.transcend.org\/tms\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.transcend.org\/tms\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.transcend.org\/tms\/wp-json\/wp\/v2\/users\/4"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.transcend.org\/tms\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=76188"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.transcend.org\/tms\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/76188\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.transcend.org\/tms\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=76188"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.transcend.org\/tms\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=76188"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.transcend.org\/tms\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=76188"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}