(Deutsch) Wie die Deutschen den Regenwald mit aufessen

ORIGINAL LANGUAGES, 28 Oct 2019

Anette Dowideit | WELT – TRANSCEND Media Service

Die Amazonas-Länder Brasilien, Bolivien, Kolumbien, Ecuador, Guyana, Suriname und Peru wollen den größten Regenwald der Welt besser schützen. Sie unterzeichneten eine Vereinbarung, die eine enge Zusammenarbeit vorsieht.

20.10.2019 – Deutsche Firmen kauften in den vergangenen fünf Jahren gut 40.000 Tonnen Rindfleisch bei Fleischkonzernen, die an der Abholzung des brasilianischen Regenwaldes beteiligt sind. Pro Jahr wurden dafür rund 2,5 Quadratkilometer geschützte Naturgebiete in Weideland umgewandelt.

Die Zerstörung des brasilianischen Urwalds hat sich stark beschleunigt. Bis zum Jahresende werden fast 10.000 Quadratkilometer verschwinden, fast doppelt so viel Fläche wie 2018 – weil Bauern und Fleischproduzenten gegen Umweltschutzauflagen Brandrodungen betreiben und Wälder in Weide- und Ackerland verwandeln. Das ergab eine dieser Tage vorgestellte Berechnung des brasilianischen Weltraumforschungsinstituts Inpe. Auch deutsche Konsumenten tragen zur Abholzung bei. Das geht aus einer internationalen Recherche-Kooperation unter Leitung des Londoner Bureau of Investigative Journalism hervor, die WELT AM SONNTAG für Deutschland ausgearbeitet hat.

Demnach importierten deutsche Handels- und Steakhausketten in den vergangenen fünf Jahren mehr als 40.000 Tonnen Rindfleisch von drei brasilianischen Fleischkonzernen, die nachweislich an der Abholzung des Regenwaldes beteiligt sind: JBS, Minerva und Marfrig Global Foods. Alle drei bezogen noch 2019 oder 2018 Rinder von Farmen, die laut brasilianischen Umweltbehörden illegal Wald in Weideland umwandelten.

Im selben Zeitraum kaufte Europa laut der Auswertung, die sich mit Daten der EU-Kommission deckt, 515.000 Tonnen Rindfleisch aus Brasilien. Die Handelsdaten zeigen, welche Firmen das Fleisch kauften. Darunter sind der Fleischkonzern Tönnies, die Steakhauskette Block House und Händler, die Supermarktketten beliefern. Sie kauften in den fünf Jahren Rindfleisch für rund 230 Millionen Euro bei den Konzernen. Das zeigt die Untersuchung des Rechercheteams.

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Nach dessen Berechnungen wurden für die Fleischimporte nach Deutschland pro Jahr rund 2,5 Quadratkilometer geschützte Naturgebiete in Weideland umgewandelt – jährlich etwa 350 Fußballfelder. Damit sei Deutschland für sieben bis acht Prozent der Abholzung durch EU-Importe verantwortlich. Für diese Hochrechnung führten die Datenjournalisten des Rechercheprojekts trase.org Statistiken über die Rinderhaltung, Exportpapiere und Aufzeichnungen der Umweltbehörden über die Abholzung in einzelnen Gebieten zusammen. Der deutsche Rindfleischkonsum bedroht demnach vor allem Naturschutzgebiete im Südosten Brasiliens, in geringerem Maße das Amazonasgebiet.

Bundesentwicklungsminister Gerd Müller (CSU) sagte: „Der Regenwald darf nicht für neue Agrarflächen und Tierfutter brennen.“ Die Brandrodung der Regenwälder verursache elf Prozent des globalen CO2-Ausstoßes. Müller forderte die Verbraucher auf, zur Vermeidung von Abholzung beizutragen.

Der Vorsitzende der Grünen-Bundestagsfraktion, Anton Hofreiter, sieht ein Versagen der Bundesregierung, die es nicht geschafft habe, „den globalen Dumping-Wettbewerb, den wir auf dem Rücken von Umwelt, Klima und Menschenrechten erleben, zu beenden“. Die Regierung müsse sich dafür einsetzen, dass die EU „verbindliche entwaldungsfreie Lieferketten“ beschließe.

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Auch die Umweltorganisation WWF forderte ein Lieferkettengesetz, um Importeure aus Deutschland für Umweltschäden in Herkunftsländern wie Brasilien haftbar machen zu können. Linken-Chefin Katja Kipping forderte ebenfalls ein solches Gesetz. Verbraucher müssten „rechtlich davor geschützt werden, unwissentlich Fleisch zu kaufen, das in seiner Produktion die Umwelt zerstört und den Menschen schadet“.

Verbraucher- und Umweltschützer kritisieren, Kunden könnten in Supermärkten nicht erkennen, wie Rinder im Herkunftsland gehalten wurden, da irreführende Bezeichnungen erlaubt seien wie „Fleisch von Rindern, die in der heimischen Grassteppe aufwachsen“. Die Verbraucherzentrale NRW rät, im Zweifel auf brasilianisches Rindfleisch zu verzichten. Selbst dann sei aber nicht sicher, dass kein Regenwald abgeholzt werde – auch Rinder aus Deutschland seien mit hoher Wahrscheinlichkeit mit Soja aus Brasilien gemästet worden, für dessen Anbau eventuell Urwälder gerodet wurden. Bisher ist oft nicht gekennzeichnet, aus welchem Land das Rindfleisch kommt – etwa bei Tiefkühlhack.

Rindfleisch aus Brasilien koste etwa nur halb so viel wie Fleisch aus Deutschland, sagte die Agrarexpertin der Umweltorganisation Germanwatch, Reinhild Benning. „Verbraucher sollten deshalb misstrauisch sein, wenn Rindfleisch im Laden besonders billig ist.“ Für brasilianisches Rind wurden im Handel Anfang 2019 rund 2,17 Euro pro Kilogramm veranschlagt, für EU-Rindfleisch 3,74 Euro. Deutsche Importeure sagten WELT AM SONNTAG, ihnen sei die Problematik bewusst. Sie arbeiteten daran, ihre Importe aus Brasilien herunterzufahren.

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Anette Dowideit – Chefreporterin Investigativteam

 

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